Aus die aus zürich
Wechseln zu: Navigation, Suche
Über dem Wasser.jpg

Über dem Wasser

Im Herbst 2014 erschien der theologische Zweiakter von Tobias Grimbacher im Theologischen Verlag Zürich.

Gottesfrage in zwei Akten

Von Gott reden heisst, in Bildern reden, ohne sich ein Bild von Gott zu machen – was letztlich heisst, Geschichten von Menschen zu erzählen. Tobias Grimbacher lässt verschiedene Gäste einer Bar aufeinandertreffen und wesentliche Fragen zu Gott und Mensch diskutieren. Mit seinem Dialog-Stück bietet der Autor einen ungewohnten, aber sehr zugänglichen Weg, Theologisches zu denken und zu diskutieren.

szenische Lesung

An zwei Abenden bestand die Möglichkeit, Auszüge des Stücks in einer szenischen Lesung zu erleben. Autor, Lektor und Schauspieler liehen ihre Stimmen dem Barkeeper und seinen Gästen beim Nachdenken über Gott und unsere Welt.

Buchvernissage am Freitag, 13. März 2015, im aki zürich, Hirschengraben 86, 8001 Zürich
Buchpräsentation am Mittwoch, 18. März 2015, im Kirchgemeindesaal Allerheiligen, Wehntalerstrasse 224, 8057 Zürich
jeweils Lesung ausgewählter Szenen um 19:30 Uhr, anschliessend Apero

Es lesen: Tobias Grimbacher, Christian Beyer, Anastasia Risch, Mathias Wellner und Markus Zimmer

Eine weitere Lesung fand im Herbst statt:

szenische Lesung mit Diskussion am Mittwoch, 2. September 2015, 19:30 Uhr, im Rössli am Postplatz, Appenzell
mit Tobias Grimbacher (Lesung & Diskussion), Magdalena Hegglin (Lesung), Daniela Mittelholzer (Moderation), Martin Pfister (SP-Nationalratskandidat, Diskussion) Andreas Schenk (prot. Pfarrer Appenzell, Diskussion)

Video und Fotos

Theologe und Bischof bei der szenischen Lesung am 13. März 2015

Leseprobe

1. Akt, Szene 4: Symbolisch von Gott sprechen

von Tobias Grimbacher


Am Tresen einer Bar stehen B (Barkeeper) und F (Freidenker)
Freidenkerin und Barkeeper bei der szenischen Lesung am 13. März 2015

B zu F Auf einmal so schweigsam?
F Die reden immer noch über Gott. Da will ich mich lieber nicht einmischen.
B Wieso, ist doch spannend?
F Aber auf diesem Niveau? «Danke, Gott, für dieses tolle Bier», hab ich vorher sagen hören! Der alte Mann mit dem langen weissen Bart sitzt sicher irgendwo da oben und wird sehr begeistert sein.
T (Theologe) kommt ins Lokal. Er setzt sich zu F an den Tresen.
T Ein Bier, bitte.
B Kommt sofort. Also, dass die Geschichte mit dem alten Mann mit Rauschebart etwas weit hergeholt ist, das brauchen Sie mir nicht weiter erklären.
F Es gibt ihn auch sonst nicht.
T Geht’s um Gott?
F und B Ja.
T Ihnen ist schon bewusst, dass jede Gottesvorstellung nur als Symbol brauchbar ist?[1] Jedes Gottesbild verwendet eine Analogie aus unserer Erfahrungswelt, also etwas, das wir selbst gut kennen und einordnen können wie den sehr alten Mann mit dem sehr weissen Bart. Wenn Sie eine Analogie konkret nehmen, dann ist sie von vornherein falsch. Aber als Symbol weist die Analogie doch auf eine Dimension hin, die sie übersteigt und die sie aufreisst.

F Die dritte Dimension des weisen alten Mannes! Ein Hollywood-Thriller.
Der Autor und sein Buch am Stand des TVZ auf der Frankfurter Buchmesse 2014

T Na ja, der weise alte Mann war vielleicht «schon immer» da, er ist milde, auch ein bisschen eigenwillig. Natürlich ist das eine sehr einfache Analogie aus dem Kinderglauben. Aber es ist ein mythologisches Gottesbild, genauso wie der Blitze schleudernde Zeus in der griechischen Mythologie.
F Was sagen Sie zu: Gott ist Geist, Gott ist Sinn?
T Ja, ersetzen Sie die konkrete Vorstellung ruhig durch einen philosophischen Begriff. Es ist dann zwar vielleicht schwerer zu durchschauen, aber auch «unendlicher Geist» ist nur eine Analogie und für sich genommen falsch. Wenn Sie mit Begriffen hantieren wollen, dann höchstens paradox: die allmächtige Ohnmacht, der Fern-Nahe – dann merken Sie: Wörtlich genommen, ist es ein logischer Widerspruch. Es wird absurd wie der Rauschebart.
F Nur dass wir es beim Rauschebart jedem erklären können!
T Genau. Wir müssen uns immer mit Unvollkommenem begnügen, wenn wir von Gott reden. Wir sollen uns kein Bild machen,[2] sagt die Bibel, weil wir kein Bild von Gott verabsolutieren dürfen. Jedes hat seine Achillesferse. Das gilt erst recht, wenn wir von Gott als Person reden: Dann wird Gott unwillkürlich in Analogie zum Menschen gedacht.
F Als alter Mann.

T Zum Beispiel. Gott ist aber schon mal definitiv nicht Mann oder Frau. Er ist auch nicht alt. Als Menschen sind wir begrenzt – durch unser Älterwerden, durch unseren Körper und durch vieles mehr –, das macht unser Menschsein aus! Gott aber hat zumindest den Aspekt
Freidenkerin, Theologe, Mensch und Barkeeper bei der szenischen Lesung am 18. März 2015
des Unendlichen, Unbegrenzten. Und die einzige Art, wie wir Beziehung erfahren können, ist von Person zu Person. Wenn Gott als zu uns in Beziehung treten will, dann muss er das als Person tun; er lässt sich auf unsere Grenzen ein, auch wenn es für ihn noch ganz andere Möglichkeiten von Beziehungen gibt. Aber das Personale, das Person-Sein, ist nicht Gottes Wesen, und Gottes Wesen ist uns nicht zugänglich.[3]

B Woher wissen Sie eigentlich so viel über Gott?
T Wissen Sie, diese Erkenntnisse über Gott sind ja symbolische Rede in Analogien und damit übersteigen sie unsere Möglichkeiten im Transzendenten bei Weitem. Ich würde sie eher ein «wissendes Nichtwissen»[4] nennen. Es ist ja auch kein eigentliches Wissen, wie ein wissenschaftliches Wissen zum Beispiel in der Physik.
F Dann: Woher haben Sie dieses ausgeprägte Nichtwissen?
T Ich bin Theologe.
M (Mensch) ist an den Tresen gekommen.
M Sie sind Theologe?
T Ja.
M Darf ich Ihnen eine Frage stellen?
T «Fragen heisst hören auf das, was sich einem zuspricht»[5], sagt Heidegger. Wenn Sie solche Antworten wollen, dann fragen Sie.
M Können Sie mir Gott beweisen?


Referenzen

  1. Nach Neuenschwander/Zager, Gott denken angesichts des Atheismus, S. 160ff
  2. Vgl. Ex 20,4 und Dtn 5,8.
  3. Vgl. Neuenschwander/Zager, Gott denken angesichts des Atheismus, S. 162ff
  4. Vgl. Nikolaus Cusanus: Im wissenden Nichtwissen respektieren wir die menschlichen Grenzen.
  5. Martin Heidegger: Aus der Erfahrung des Denkens, Frankfurt a. M: Klostermann 2002.


Über dem Wasser - Gottesfrage in zwei Akten, 102 Seiten, TVZ, ISBN 978-3-290-20100-5, Oktober 2014.

© Tobias Grimbacher, die aus zürich


online

Am 15. März 2015 war eine Szene aus Über dem Wasser im SFR1 zu hören: http://www.srf.ch/sendungen/text-zum-sonntag/tobias-grimbacher-ueber-dem-wasser-gottesfrage-in-zwei-akten