Aus die aus zürich
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von Isabel Joris
August 2011

Auf dem Nachhauseweg


Der Platzregen hatte gerade aufgehört an diesem Augustabend, dunkle graue Wolken bedeckten den Himmel. Fast kein Mensch war zu sehen, ein Jogger, ein Paar mit einem grossen Hund.

Ich spannte den Regenschirm auf, denn wenn ich unter den Kastanienbäumen ging, die ihre Nässe von sich schütteln wollten, fielen grosse Tropfen herunter.

Ich nahm nicht den üblichen Weg nach Hause, bei dem ich auf die Berge und den See blicken konnte, ich wollte einfach schnell heim und nahm deshalb den kürzesten Weg. Und auf einmal stand ich da, vor der Schnecke.

Und doch, wenn ich auch rasch nach Hause wollte, blieb ich stehen und betrachtete sie.

Ich sah sie im Kelch der Rose und genoss den Anblick der zartrosa Blütenblätter. Den angenehmen Duft der Rose konnte ich mir nur vorstellen, es war hier nämlich nicht möglich, diesen Duft zu isolieren, denn an ihrem Fuss war ein grosser Lavendelbusch, über den die Schnecke unweigerlich gekrochen sein musste, ausserdem die Gräser mit ihrem herben Duft und der Geruch der frischen Erde.

Mein Blick wandte sich zu den dunkelgrün glänzenden Blättern, die jetzt wegen der leichten Brise zitterten und den Tropfen, die sich auf den Blättern wie durchsichtige Perlen gebildet hatten und leicht schimmerten.

Eine Biene, die um die Rose schwirrte, ohne sie zu berühren, zog meinen Blick an. Hatte sie Respekt vor der Schnecke?

An der Rose hatte es ein paar trockene Zweige und Blätter, die nicht entfernt worden waren, Blüten, die am verwelken waren und Knospen, doch die Schnecke hatte sich die höchste, schönste Blüte ausgesucht, voll entfaltet, die noch nicht angefangen hatte zu verwelken, aber kurz davor war.

Als ich vor ihr stand, hatte sie die Fühler nach oben gerichtet, zu den äusseren Blütenblättern des Kelches, dann sah ich ihren Rücken, die Fühler verschwanden aus meinem Sichtfeld, und auf einmal sah ich sie dort, am äusseren Rand der Blüte. Obwohl ich aufmerksam war, sie beobachtet hatte und direkt vor ihr stand, war es mir nicht möglich, ihre Bewegungen wahrzunehmen, nur eine Abfolge ihrer Standorte.

Der Garten sah aus, als wäre er in letzter Zeit nicht gepflegt worden, er konnte mir eine Geschichte erzählen. Ich sah nicht nur seine Gegenwart, ich sah auch seine Vergangenheit.

Das Licht hatte sich verändert, ich schaute in den Abendhimmel, ein roter Streifen war am Horizont zu sehen.



© Isabel Joris, die aus zürich