Aus die aus zürich
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von Dorothe Zürcher
16. September 2015
Leseprobe

Der schwarze Garten


LESEPROBE AUS DEM ROMAN
»Der schwarze Garten«
von Dorothe Zürcher
1. Kapitel
»Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir die Untersuchungen im Mordfall an Ihrem Vater abgeschlossen haben.« Nervös streicht sich Müller durch das Haar. »Wie Sie wissen, ist es fast ein Jahr her und na ja … Sie ahnen ja, dass wir nicht sehr weit gekommen sind. Wir wissen immer noch nicht, wie die Leiche hinter das Steuer kam. Aber, ja …« Er schaut auf und sieht erwartungsvoll zu mir. Ich mustere die Härchen an seiner Nasenwurzel. Warum ist er hier?
»Es tut mir leid. Ich weiß, dass der Tod Ihres Vaters Ihnen ziemlich zugesetzt hat. Leider können wir nichts mehr tun.«
Hat Kommissar Ehrismann ihn geschickt? Ist es ein letzter Fallstrick?
Müller streckt sein Kreuz durch. »Jedenfalls wollte ich Ihnen sagen, dass es … dass Sie … obwohl wir den Mörder nicht gefunden haben …« Der Satz bleibt in der Luft hängen.
»Vielen Dank, Herr Müller.« Ich stehe auf und zwinge ihn damit, dasselbe zu tun. »Wir werden über den Tod meines Vaters hinwegkommen.« Ich strecke ihm die Hand hin. Er heftet seinen Blick auf mich, bleibt störrisch stehen, als ich mich zum Gehen wende. »Nun ja, Frau Ourilier, ich wollte Ihnen nur sagen… Also ich weiß, was Sie durchgemacht haben. Da wollte ich Sie fragen… Also, vielleicht hätten Sie einmal Lust… Vielleicht möchten Sie einmal ein Bier mit mir trinken oder so.«
Also nicht Ehrismann.
»Jetzt, wo der Fall abgeschlossen ist, da würde es vielleicht …« Angestrengt schaut er an meiner Schulter vorbei.
»Danke, Herr Müller.« Die Schüssel klimpern, als ich heftig die Wohnungstür aufreiße.
»Ich tue das sonst nie. Aber jetzt, wo der Fall…«
»Das ist sehr nett von Ihnen, Herr Müller.«
Er rührt sich nicht, sein Blick haftet an einem bestimmten Punkt neben mir. Wie kommt er nur auf die Idee, sich mir so aufzudrängen? Oder ist es trotzdem Ehrismanns letzter Versuch?
»Auf jeden Fall gebe ich Ihnen meine Karte. Meine private Handynummer habe ich drauf geschrieben. Sie können jederzeit anrufen.«
Endlich lässt er sich zur Tür hinausbugsieren. Am liebsten würde ich sie hinter ihm zuschlagen, doch in letzter Sekunde halte ich mich zurück. Vielleicht sitzt Ehrismann mit einem Abhörgerät irgendwo im Gang. Müllers Kärtchen zerknülle ich, halte dann aber plötzlich inne. Vorsichtig streiche ich es glatt, halte es ganz nahe an meine Augen. Wenn das wirklich stimmt, was Müller gesagt hat, dann …
»Ciao, Ehrismann«, flüstere ich und küsse geräuschvoll die Luft. Das Kärtchen schmeiß ich auf den Tisch, als ich zum Telefon eile. Die Nummer kenne ich im Schlaf. Es klingelt lange.
»Ourilier«, meldet er sich endlich.
»Bruderherz! Die Polizei hat den Fall ad acta gelegt.« Ich versuche, nicht zu enthusiastisch zu klingen – bin immer noch etwas verwirrt vom vergangenen Jahr. Das Schweigen, das nach meinem Satz folgt, genieße ich.
»Warum wurde mir nichts mitgeteilt?«
»Elio, hast du verstanden, was ich dir gesagt habe?«
»Dann …« Auch mein Bruder befürchtet, dass immer noch irgendwo einer sitzt und uns abhört. Vielleicht haben wir wirklich zu viele amerikanische Krimis gelesen.
»Kommst du vorbei?« 
Nun hat es ihn wirklich erwischt.
»Gerne.«
Aus dem Straßenbahnfenster betrachte ich die vorbeigleitenden Häuser. Es nieselt leicht. Die Abenddämmerung hat ihren grauen Mantel über die Stadt gehängt. Gesten haben die Zürcher noch ihren »Böög« verbrannt, sind um ihn herumgeritten und wollten wissen, wie warm der Sommer wird. Dann haben sie ihre Würste über die Glut gehalten. Heute eilen sie in ihren zerknitterten Arbeitskleidungen nach Hause, entfliehen der Kälte. Meine Hände streichen über meine kalten Oberarme. Müller. Wollte er sich wirklich mit mir treffen? Verwirrt blicke ich ins Leere. Nicht, dass ich etwas gegen eine Beziehung hätte. Nur … Wer will eine mit mir?
Die S-Bahn rauscht unter der Stadt hindurch. Erst als sie den See erreicht, kann mein Blick in die Ferne schweifen. Einer meiner Vorfahren hatte sich entschlossen, die Stadt zu verlassen. Der schwarze Garten kam ins Gespräch und er zog ans sumpfige Seeufer. Er konnte nicht wissen, dass diese Gegend, heute Goldküste genannt, nun von den Bonzen und Bankern Zürichs bewohnt wird. Vom Bahnhof ist es nicht weit bis zur Villa. Obwohl ich fast mein halbes Leben in dem Haus verbracht habe, muss ich vor dem hohen Tor die Klingel drücken. Eine Kamera blinkt über mir. Es klickt und das Tor öffnet sich lautlos.
Nach dem Tod meines Vaters konnte ich das Haus nicht schnell genug verlassen und mein Bruder nicht schnell genug einziehen. Er kam mit seiner fünfköpfigen Familie. Doch kein Fahrrad liegt auf dem Zufahrtsweg, kein verlassenes Spielzeugauto ziert den Wegrand. Der schwarze Garten herrscht nach seinen eigenen Gesetzen.
Eranz erwartet mich in der Eingangshalle. Fast hätte ich ihn umarmt, so lange haben wir uns nicht mehr gesehen. Doch hier im Haus tun wir so etwas nicht. Bemüht langsam ziehe ich Handschuhe und Mantel aus, um ihm Zeit zu geben, mich zu betrachten und zu prüfen, ob alles bei mir stimmt. Fast alles, denke ich bei mir.
»Euer Bruder erwartet Euch in der Bibliothek.« Seine tiefe, warme Stimme dringt unter meine Haut, beinahe bin ich versucht die Augen zu schließen und mich an frühere, schönere Tage zu erinnern. »Danke, Eranz. Ich finde den Weg selbst.«
»Es ist schön, Euch wiederzusehen.«
Ich vermeide es, ihn anzuschauen, nicke nur. Als ich die Treppe hochsteige, wische ich mir eine Träne aus den Augen. Wenn wir doch nur einen Kaffee zusammen trinken könnten.
Auf dem oberen Absatz bleibe ich stehen und schnuppere. Irgendetwas riecht fremd. Da schlägt hinter mir eine Tür zu.
»Kaia«, ruft eine helle Kinderstimme. Nackte Füße eilen über den gewienerten Boden und zwei Kinderarme umschlingen mich.
»Hallo, Kevin.« Ich streiche ihm kurz über den braunen Haarschopf.
»Bleibst du zum Abendessen?«
»Nein, ich denke nicht. Ich …«
»Wann spielen wir das Spiel wieder?«
»Das Spiel …« Ich räuspere mich, entdecke aus den Augenwinkeln meinen Bruder, den die hohe Kinderstimme aus der Bibliothek hierher gelockt hat. »Das Spiel, Kevin, das werden wir …«
»Kaia muss mit mir etwas besprechen, Kevin. Hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?«, sagt mein Bruder.
»Aber ich will das Spiel spielen!«, ruft er störrisch. Ich ziehe ihn von mir weg.
»Das Spiel werden wir irgendeinmal wieder spielen«, sage ich leise und schaue ihm tief in die Augen. »Und nun muss ich zu deinem Papa.« Er dreht sich maulend um und stampft davon. Unterdessen schreite ich an meinem Bruder vorbei in die Bibliothek. Er sieht mich wütend an. Mit einem lauten Knall schließt er die Tür hinter uns, atmet tief durch und dreht sich dann zu mir.
»Woher weißt du, dass sie den Fall abgeschlossen haben?«
»Müller kam vorbei und hat es mir erzählt.«
»Müller? Oha!« Er hebt seine Augenbrauen und mustert mich von oben nach unten.
»Anfänglich dachte ich, Ehrismann will nochmals eine Leimrute auslegen. Aber Müller wollte ein privates Treffen mit mir arrangieren. Er ist wohl auf eigene Faust vorbeigekommen.«
Elios Mundwinkel zucken. »Als Polizist hat er wohl eine Schwäche für …« Er macht eine unbestimmte Handbewegung und lässt den Satz so stehen.
»Elio«, sage ich leise, »sie haben den Fall ad acta gelegt. Das heißt, es ist vorbei.« Fast kommen mir die Tränen.
Seine Lippen verkneifen sich nur. »Du wolltest eine Beerdigung«, zischt er.
Ich beherrsche mich, obwohl ich schreien könnte; es ist meine Schuld.
Ich wollte eine Beerdigung in geweihter Erde. Ich wollte wissen, wo Zaols Gebeine liegen! Ich wollte sein Grab hüten und bewahren, bevor es andere benützen.
Doch was würde es nützen, Elio anzuschreien? Er war dagegen und ich hatte mich durchgesetzt. Und wahrscheinlich habe ich selbst in diesem Haus Angst, dass Ehrismann irgendwo eine Wanze versteckt hat und uns abhört. Darum schreie ich nicht. »Weiß es Eranz schon?«
»Er kennt jedes Wort, das hier drin gesprochen wird«, brummt Elio.
»Du bist der Hausherr, es wäre schön, wenn du ihm solche
Sachen persönlich mitteilst.«
Elios Blick hat sich in der bestickten Stofftapete verloren.
»Und was ist jetzt?«, fragt er erstaunlich unsicher.
»Jetzt? Jetzt fangen wir endlich an, zu leben!«
Elio schaut mich verwirrt an. Das »Wir« stört ihn wohl. Um ihn zu beruhigen, drehe ich mich in Richtung der Tür.
»Bald ist Jahrzeit. Wir sehen uns an Vaters Grab«, sage ich so leichthin wie möglich.
»Vaters Grab«, sagt er verächtlich. »Du kannst nur an Leichen und Gräber denken.«
Mein Hals wird trocken, ich räuspere mich, doch es wird nicht besser. Elio will mir seine eigenen Ängste anhängen, sage ich mir, doch es nützt nichts. Ich stehe da und ringe mit den Worten.
»Ich habe dir den schwarzen Garten überlassen«, entfährt es mir endlich.
»Wir haben ihn abgeschafft. Merk dir das endlich. Ich will nichts mit dem Garten zu tun haben. Und noch weniger mit Zaols Grab.«
Ich nicke und eile hinaus. Elio folgt mir stirnrunzelnd. Im Gang bleibe ich plötzlich stehen und bücke mich. Nun weiß ich, was mich beim Hochkommen so irritiert hat. Die Holzdielen sind mit Schmierseife gewaschen worden.
»Seit wann benutzt Eranz Schmierseife, um den Holzboden zu bohnern?«
»Das war nicht Eranz. Da fegte unsere Putzfrau.«
»Eine Putzfrau?« 
»Erika fand, Eranz sei zu alt, um den ganzen Haushalt zu meistern.«
Fassungslos schaue ich meinen Bruder an.
»Elio, du bist wohl fähig, deiner Frau beizubringen, dass Eranz’ Alter nicht ein Hindernis ist, den Haushalt zu besorgen. Wo sind wir denn da? Bald wird sie noch die Gärtner bekochen!«
»Nein, sie … Eine Putzfrau stört nicht. So kann sich Eranz mehr mit den Kindern beschäftigen. Zudem ist sie froh um den
Zuschuss. Sie kommt aus Portugal.«
»Portugal! Elio, bist du von Sinnen. Gerade diese Leute wissen, was schwarze Magie ist! Habe ich dir deswegen das Haus überlassen?«
»Werde ja nicht hysterisch. Sie putzt nur hier oben, und wenn schon. Wem kann sie schon etwas verraten?«
»Wem verraten? Beschäftig ihr sie etwa illegal?«
Das Zittern seiner Lippen verrät ihn. »Das würde Erika nie tun«, erklärt er.
Aber du, du würdest es tun, denke ich.
»Elio«, versuche ich möglichst ruhig zu klingen, »ich muss dir nichts erklären. Nicht nur, dass ihr Eranz vor den Kopf stößt. Ist dir bewusst, in welche Gefahr ihr euch und die Putzfr …«
»Gefahr? Gerade du sprichst von Gefahr!«
»Kaia!« 
Der Ruf treibt uns auseinander wie zwei gleichpolige Magnete. Erika läuft die Treppe hoch und umarmt mich herzlich. Sie ist die einzige Frau, die so etwas tut.
»Kevin hat eben von dir erzählt. Schön, dass du gekommen bist. Bleibst du zum Essen?«
»Nein, ich …« Etwas verloren schaue ich zu Elio hinüber.
»Wir hatten nur eine kurze Besprechung. Kaia muss weiter.«
»Das ist schade! Kevin spricht dauernd von einem Spiel, dass er gerne mit dir spielen will. Du weißt, dass er am Samstag
Geburtstag hat?«
»Ah …« Ich schlucke leer und selbst Elio wird etwas verlegen.
»Du musst vorbeikommen. Kevin ist so vernarrt in dich. Es würde ihn unglaublich freuen.«
Ich nicke, versuche zu lächeln, bewege mich unbeirrt in Richtung der Garderobe, während Erika von den Kindern, die sie eingeladen hat, und von der Geburtstagsüberraschung schwärmt. Das Spiel – da muss ich mir etwas einfallen lassen. Ein gespielt erschreckter Blick auf die Uhr macht es mir möglich, mich von Erika loszureißen. Sie ist so ein guter Mensch. Neidisch schaue ich zu Elio hinüber. Steif küssen wir uns dreimal zum Abschied auf die Wangen, dann stehe ich vor der Tür. Eranz erwartet mich im Hauseingang.
Nun kann ich mich nicht mehr zurückhalten und werfe mich in seine Arme. Er wiegt mich leicht und streicht mir über den Rücken.
»Müller war da. Sie haben den Fall ad acta gelegt«, schluchze ich.
»Ich weiß, Kätzchen.«
»Ist es nun vorbei?«, frage ich. »Kätzchen! Es ist nie etwas vorbei.« Ich nicke etwas zerknirscht.
»Elio hat eine Putzfrau eingestellt«, beschwere ich mich.
»Erika will den Gärtnern eine Unterkunft besorgen.«
»Wie bitte?«
»Sie vermutet, dass sie in der Werkstatt hausen.«
Vor Staunen bleibt mir den Mund offen. Hat Elio ganz den Verstand verloren?
»Kätzchen«, Eranz lächelt mich an. »Beruhige dich. Ich bin ja da.«
»Aber du kannst nicht …« Eranz lächelt immer noch.
»Du hast den Garten und das Haus abgegeben. Lass deinen
Bruder machen und beruhige dich.« 
Störrisch löse ich mich aus seiner Umarmung.
»Ich komme am Samstag wieder vorbei. Kevin hat Geburtstag.«
»Das freut mich.«
Als ich durch den Garten stolpere, spüre ich, dass er mir nachschaut. Nun gut. Vielleicht hat er recht. Ich wohne nicht mehr hier. Das Haus und seine Bewohner können mir gestohlen bleiben.
Im Zug werde ich wieder ruhig, schließe die Augen und atme entspannt. Sie haben den Fall abgeschlossen. Ich versuche, die Nachricht endlich zu begreifen, ganz tief in mein Bewusstsein einzuatmen. Nun ist alles gut. Als ich die Augen öffne, erblicke ich die Gratiszeitung, die zerlesen auf dem Sitz neben mir liegt. Nach dem ersten Blick auf die Schlagzeilen, wird mir klar, dass gar nichts gut ist.


November 2015

© Dorothe Zürcher, die aus zürich