Aus die aus zürich
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von Jaël Lohri
2009

Ein Abschied


Noch zwanzig Minuten – nur für uns zwei. Für mich und dich, altes Gemäuer. Die wir unsere Erinnerungen leben, gefühlte Zeit, gespeichert. In unzähligen flüchtigen Begegnungen über Jahre hinweg warst du immer für mich da, stoisch, gelassen, geduldig. Seit damals schon. Liebe auf den ersten Blick.
Staunend schaute ich durch die Rundbögen, wandelte durch die Gänge, fühlte mich willkommen und doch unscheinbar klein, lehnte mich gegen eine Wand, liess deine raue Kälte meinen Herzschlag beruhigen, lauschte deinen Geschichten von früher.


Sie sitzt da, ihren Rücken an einen meiner Rundbögen gelehnt. Ihre Haare sind dunkel und kraus, von einem roten Band gebändigt. Sie könnte Ethnologiestudentin sein oder Sprachwissenschaftlerin. Oder studiert sie Philosophie und Afrikanistik? Wo ihr Rücken meine Wand berührt, fühlt es sich lebendig an, jung und beweglich. Ihre Gedanken sind kraus wie ihr Haar. Und noch etwas ist spürbar. Nachdenklichkeit?


Den Gang hinunter ein Grüppchen junger Menschen, von denen es hier Tausende gibt. Die Mode hat sich verändert, locker nach wie vor der Stil. Die Gesichter sind jünger geworden. Im Lichthof beugen sie sich gemeinsam über Artikel, Fälle und Vorträge, die noch nicht existent sind, aber in den nächsten Tagen geschrieben, gelöst und gehalten werden müssen. Zwei besprechen einen Text. Ich betrachte die Gesten, die Gesichter, die gelangweilten. Orientalische Sujets in der französischen Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts. Das Thema an sich spannend, der Artikel schlecht geschrieben, zer-wissenschaftlicht, ent-begeistert. Lebendigkeit und Anschaulichkeit ergriffen bereits während der Konzeptualisierung die Flucht. Wieder einer, der nicht schreiben kann, der sich die Finger verkrümmt an einer akademischen Laufbahn, sich festhält an einer knöchernen Wissenschaftssprache, aus Furcht abhanden zu kommen in der globalisierten Szene seiner Fachrichtung. Andere sitzen einfach nur da, gestikulieren, lachen, essen oder schauen ratlos zum steinernen Fries. Kopflos und unberührt steht die Nike von Samothrake auf ihrem Sockel, die Flügel im Schwung gefroren. Das Stimmengewirr ist gedämpft. Worte verstehe ich nicht und doch dringen die Gespräche mühelos zu mir durch.
Tausend kleine Pausen. Zeitlücken bis zur nächsten Vorlesung. Noch zehn Minuten bis zum Seminar. Treffpunkt mit Mirka in der Mensa erst um 12 Uhr 15. Die Verabredung mit der Lesegruppe? – Es bleibt noch eine Viertelstunde Zeit. Schnell den Artikel kopieren. Kurz ein bisschen Koffein. Reicht die Zeit für die Rückgabe des Buches? Herausfinden, wo die nächste Vorlesung stattfindet. Tausendmal bin ich die Treppen hinauf- und hinuntergerannt. Öfters in jemanden hinein. Dann verflog die Zeit im Geplauder, der Gong ertönte plötzlich, unerwartet schnell waren die Zeiger vorgerückt.
Früher gab es noch das schwarze Brett. Schwarz war es allerdings schon lange nicht mehr, denn es bestand aus Glas. Hinter Glas, fein säuberlich aufgehängt, Ausdrucke mit allen Vorlesungen, Vorlesungsnummern, Zeiten, Dozenten und – besonders wichtig – den Hörsälen. Aufgehängt von einem, den ich nie gesehen hatte, den es aber geben musste, in mehrfacher Ausführung, damit all die alltäglichen Abläufe an der Uni funktionierten. Nur in den ersten zwei Semesterwochen kam es zu einem Gedränge vor dem schwarzen Brett.
Heute steht in der Eingangshalle ein würfelförmiges Pförtnerhäuschen – angeschmiegt an die steinernen Stufen, heimatschutzkonform und unifarben – mit einem Computer und einem jungen Menschen drin, der sich kaum bewegen kann, aber trotzdem immer freundlich ist. Der Mensch versteht, dass es eilt, wenn man um drei nach acht kommt und nach einer bestimmten Vorlesung fragt. Schon lange beginnen nicht mehr alle Vorlesungen cum tempore. Die akademische Viertelstunde wurde flexibilisiert.


Mit ihrem Pulsschlag verjüngt sie meine Gedanken. Ihr Rücken verschmilzt mit meinem Rundbogen, als wären wir eins. Der Kaffee ist noch zu heiss, sie verbrennt sich die Zunge, schliesst die Augen. Aus den Gängen leises Gemurmel.
In der Luft liegt Interesse. Nicht-Verstehen. Hoffnung. Die Suche nach einem WG-Zimmer. All die interessanten Angebote, die sich nebenbei entdecken lassen. Vorfreude auf eine Stunde Basketball zwischendurch. Ziellosigkeit. Eile. Beklemmung auf dem Weg zur Besprechung einer Seminar-Arbeit. Man weiss, sie hätte besser sein können, hätte man nicht erst zwei Wochen vor Abgabetermin mit Schreiben begonnen. Man ahnt: sie wäre besser geworden, wären nicht nur Erwartungen kommuniziert worden, sondern auch Wege und Möglichkeiten diese zu erfüllen. Faszination liegt in der Luft. Heftige und verhaltene Diskussionen. Langeweile. Kleine Pausengespräche. Und noch immer abgestandener Rauch, obwohl die Uni schon seit Jahren zigarettenfrei ist.
Sie fühlt sich zu Hause. Sie weiss genau: wenn sie die Augen wieder öffnet, blickt sie direkt auf die Uhr am anderen Ende des Lichthofs. Überdimensionales Gold auf Blau auf Rot. Wie viel Zeit wohl vergangen ist, seit sie die Augen schloss? Sie scheint die Zeit nicht zu achten. Ist dies der eigentliche Grund, weshalb sie noch da ist? Bald dreissig und noch an der Uni?


Das Verrückte ist, es fühlt sich an, als wäre ich schon gar nicht mehr da. Als sähe ich das alles von aussen. Umstrittene Zugehörigkeit. – Und zuvor? Während all der Jahre? War gefühlte Fremdheit nicht stets ein Teil von mir? War ich nicht immer ein bisschen Gast auf Zeit?
Und doch habe ich hier gelebt. Ich hole mir beim Rondell einen Cappuccino für 1.70. Der Schaum hält sich nur kurz. Im ersten Semester liess ich jedes Mal einen Kaffeelöffel mitlaufen, bis genügend Löffel für unsere WG zusammen waren. Damals wohnte ich mit Katja. Unsere Fenster gingen auf den Innenhof. Zentral gelegen, aber im Grunde schrecklich. Ein Stipendium kriegte ich nicht. Meine Eltern hatten ein Haus, verschuldet, aber eben doch ein Haus. Der Kaffee ist zu heiss, ich verbrenne mir die Zunge. Einen Moment lang schliesse ich die Augen. Lehne mich gegen die angenehm kühle Wand wie an ein Zuhause. Dies hier fühlt sich an, als wäre es ein Abschied. Es fällt nicht leicht zu gehen. Ich weiss nicht, weshalb. Von Beginn an war klar: Dies hier ist eine temporäre Einrichtung, kein Platz zum Bleiben.
Und doch hat sich das eigene Leben verwoben mit dieser Institution. Nicht ohne Auseinandersetzungen. Leben und Uni spielten sich gegeneinander aus, bekämpften und beschuldigten sich. Es ging um Aufmerksamkeit, Vorrang, Zeit. „Du fokussierst zu wenig auf Ziele“, warf die Uni wiederholt dem Leben vor. Das Leben lachte meist mit Übermut: „Ach was, du weisst nicht, was du alles verpasst“. Mehrere Jahre stritten sie so. Einigkeit gab es kaum. Trotzdem: Die Uni hat sich in meinem Leben breit gemacht, etablierte sich wie beiläufig. Und das Leben hat die Uni auf den Kopf gestellt. Mehrmals. Gründlich.


Als sie sich von mir löst, bleibt ein bisschen Wärme haften. Und als sie die Haupttreppe hinunter geht, tut sie es leichtfüssig.


Ich öffne die Augen. Die Zeiger der Uhr glänzen golden. Einer steht am Rundbogen gegenüber, schaut hinab in den Lichthof, den Blick gedankenverloren. Zeit zu gehen. Ich löse mich langsam von der Wand, zerknülle den Pappbecher und werfe ihn in den bereitstehenden Mülleimer, als wär's nicht das letzte Mal. Während ich die Treppen hinuntersteige, streiche ich leise über das geschwungene Geländer aus schwarzem Marmor. Draussen scheint die Sonne. Ich schaue nicht zurück.


Jaël Lohri. Ein Abschied. In: Erkundungen. Friederike Osthof (Hrsg). Edition Hochschulforum 1. Zürich 2009. S. 9-11.

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