Aus die aus zürich
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von Jaël Lohri
2015

Kurzprosa aus umgekehrt genauso (Auszug)


gib mir nur ein wort

gib mir nur ein wort. ein wort nur und ich spinne dir
eine geschichte. nur ein einziges wort, und ich webe dir
ein gedicht. dieses eine wort nur, und ich knüpfe eine
brücke über zähflüssigen alltag hin zu dir. in der mitte
treffen wir uns, schauen hinab in den tosenden fluss.

und wenn du einmal nicht da sein solltest, nehme ich
den steilen, gewundenen weg unter meine füsse,
erklimme die stufen, eine nach der andern, schaue
hinauf an die sorgsam errichteten mauern, steinquader
auf steinquader, für ewigkeiten gebaut. taste mich hoch
zu den hohen gotischen fenstern. eines steht offen, der
vorhang bewegt sich im wind, verheissungsvoll, als wärst
du zuhause. klapperst mit töpfen vielleicht, in einer
deiner küchen, grosszügig zerreibst du oregano im
dampf des brodelnden sugo, sparst auch mit knoblauch
nicht, nicht mit wein, dazu deine stimme voll und klar,
teresina bella sül mercá, du singst für mich?
ich lausche, alles ist still, nur das knirschen meiner
schritte. vielleicht bist du im hof zu finden, im schatten
der mächtigen blutbuche, nachdenklich, den füllfederhalter
in deiner zierlichen hand.
streifst durch deine räume, vielleicht. rückst hier ein
bild gerade, legst dort den quilt vom brocante über
das frischbezogene bett, in freudiger erwartung deiner
gäste.

wie still es ist. nicht einmal der vorhang bewegt sich
mehr, dort beim offenen fenster. mein atmen ist kurz
jetzt. ich schicke augenblicke gegen das turmzimmer.
mattgrün schimmert das kupferdach. auch da bist du
nicht, nicht im erker, mit weitsicht über den fluss, den
schlingernden. silbern glänzend zwischen den erlen und
pappeln zieht er sich bis in den horziont. gewitterwolken
haben sich gegen den himmel geschichtet,
möglich, dass es bald regnet.

und ich, ich hoffe, hoffe, auf ein wort, nur ein wort, ein
wort von dir.

hauche, mit diesem einen wort, eine idee in deinen
traumdurchzogenen schlaf. ein wort nur, und ich
erweck’ dir dornröschen, den küchenjungen und
das ganze schloss, verflüchtige die stille, mit meinem
räuspern. ein wort nur, und erzählungen sprudeln
wieder durch die gänge, hallen im hohen barocksaal.
ich horch’ auf dein wort, dieses eine wort, möchte es
verstehen, möchte dir damit metaphernsträusse
pflücken, sie zwischen die dornen stellen, in deinem
rosenzimmer, denn hier ist es ruhig und kühl.
gib mir nur ein wort, ein wort von dir, und ich schenke
dir diese eine, meine melodie.


im gegenlicht

im gegenlicht blinzle ich. lass mich bescheinen, wärmen.
nehme deine konturen wahr. du bist da, im gegenlicht.
wirkst gross, bedeutsam. unsicher stehe ich, im gegenlicht.
schatten fallen auf steinerne platten. ich zeichne sie
nach, bin verwundert über die vielgestalt der formen.
hell und dunkel klargezeichnet. ich suche nach linien,
ähnlichkeiten, nach unterschiedlichen prägungen.
entdecke dazwischen: berührungspunkte, durchschimmernd,
fliessend fast. und lichtflecken, die wir
einsammeln. mit blossen händen. unsere gedanken,
spinnenfädenzart. worte wie netzgebilde, im gegenlicht
verwebt.


jael lohri, veronica ineichen. umgekehrt genauso - lyrik prosa. edrerettum 2015. ISBN 978-3-033-05311-3

© Jaël Lohri, die aus zürich