Aus die aus zürich
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von Susanne Mathies
14.07.2016

Offline


LESEPROBE AUS DEM ROMAN
»Offline - Der verschwunden Berater«
von Susanne Mathies

Kaptitel 12 - Alarm

Ich bin ganz ruhig, sagte Jacques zu sich selbst. Und er sagte es sich gleich noch ein zweites Mal, denn seine Hände hatten ihm offenbar nicht geglaubt, wie er an ihrem Zittern erkennen konnte. Wie hieß es noch in Lewis Carroll’s „The Hunting of the Snark“: „What I tell you three times is true” – also sagte Jacques es sich zum dritten Mal: Bleib ruhig, lieber Jacques, es besteht kein Grund zur Sorge.
Aber es bestand Grund zur Sorge.
Er setzte sich wieder an seinen Arbeitsplatz und schaltete den Rechner ein. Es kam nicht mehr darauf an, ob man bemerkte, dass er online war und auf den Servern recherchierte. Wenn jemand ihn absichtlich eingeschlossen hatte, dann hatte derjenige schon längst mitbekommen, welche Informationen Jacques heruntergeladen hatte.
Als er seinen Benutzernamen und sein Passwort eingegeben hatte, erschien eine Meldung auf dem Bildschirm: „Benutzer oder Passwort nicht korrekt“.
Hatte er sich vertippt? Er versuchte es noch einmal. Nein, er konnte sich nicht am System anmelden. Irgend jemand musste seinen Benutzer gesperrt haben. Jetzt kam er also weder ins Intranet noch ins Internet.
Ohne große Hoffnungen nahm er sein Handy aus der Tasche und ließ es nach einem Netz suchen. Hier unten gab es keine Verbindung, das hatte er vorher schon ein paarmal probiert.
Auf dem Tisch, direkt vor ihm, stand ein Telefon mit einem schreiend gelben Aufkleber: „Notrufnummern: 117 Polizei, 118 Feuerwehr, 144 Ambulanz“. Natürlich – das war genau das, was er brauchte.
Er nahm den Hörer ab. Es gab kein Rufzeichen. War das Telefon vielleicht nicht angeschlossen? Strom hatte es, das konnte er am Display erkennen. Aber zur Telefonleitung gab es offenbar keine Verbindung. Er verfolgte das Kabel, das aus dem Apparat kam, bis zu dem dicken Kabelbündel, das unter einer Metallabdeckung zwischen den Schreibtischen zur Wand führte.
Um die Kabel zu untersuchen, die aus dem Ende der Schiene herauskamen, musste er den Rechner von Raj und einen großen Pappkarton voller Papierabfall zur Seite schieben. Er kniete sich auf den Boden – gut, dass er sich vorhin nicht umgezogen hatte, jetzt bekam die Hose mit dem Riss über dem Knie zusätzliche Schmutzflecken, dachte er, denn hierhin verirrte sich der Staubsauger der Putzkolonne offensichtlich nie – und dann staunte er, während er mit den Finger die Kabelstränge untersuchte, dass ihm in so einer Situation solche lächerlich unwichtigen Gedanken in den Kopf kamen.
Es gab nur ein Telefonkabel, und er hatte es schnell identifiziert, es war dünner als alle anderen. Es endete in einem Stecker, der in einer Telefonbuchse in der Wand fest verankert war, wie es sein sollte. Sicherheitshalber zog er den Stecker heraus und schob ihn dann noch einmal besonders sorgfältig wieder hinein.
Als er an seinem Schreibtisch wieder den Telefonhörer abhob, gab es immer noch keinen Ton. Anscheinend war die Telefonleitung tot. Aber das konnte erst seit kurzem der Fall sein, denn an diesem Morgen hatte er auf diesem Apparat einen internen Anruf erhalten.
Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und dachte nach, während er mit den Händen so gut wie möglich seine Knie abputzte. Für einen Moment senkte sich sein Blick in das Papierchaos auf dem Schreibtisch gegenüber. So, wie es dort aussah, konnte man dort wahrscheinlich Schätze entdecken, vielleicht sogar einen Schlüssel zu diesem Raum, wenn man nur tief genug grub. Seltsam, dachte er, dass sowohl Ricky als auch Herr Zettling in dem identischen Chaos arbeiten konnten – anscheinend brauchten sie niemals eins der Papiere, fühlten sich aber auch nicht durch sie gestört oder eingeengt. Jacques spekulierte einen Moment lang, wer diese Papierberge wohl ursprünglich generiert hatte, aber dann riss ihn sein brennendes Problem aus diesen müßigen Gedanken.
Was konnte er noch versuchen, um hier herauszukommen? Einen anderen Ausgang als die verschlossene Tür gab es nicht. Er gab dem Drehstuhl einen Schwung und ließ alle Seiten des Zimmers an sich vorbeiziehen.
Da – natürlich, warum war er nicht gleich darauf gekommen! Der Gebäudeleitstand befand sich in diesem Raum. Nun musste er nur noch herausfinden, welchen Knopf er drücken musste, um einen Alarm auszulösen. Er sprang auf und lief zur Anzeigetafel.
Für jedes Stockwerk gab es eine Art Netzplan mit Linien und Knoten in verschiedenen Farben, und neben dem Stockwerk war an der Seite der Tafel eine Reihe von roten, grünen und orangefarbenen durchsichtigen Knöpfen angebracht. Zur Zeit blinkten alle Knöpfe grün.
Unterhalb der Anzeigetafel befand sich eine Bedienungskonsole mit fünf Reihen von Schaltern, die unterschiedlich beschriftet waren. Jacques sah sich ein paar davon an: „En. opt vert.“, „En. opt. min.“, „W. w.“, „W. s.“, usw., keine der Aufschriften sagte ihm irgend etwas.
Aber am hinteren Rand der Konsole entdeckte er drei große rote Schalter, die sofort sein Interesse weckten. Der mittlere hatte die Aufschrift „Alarm“, links daneben gab es „Feuer“, rechts daneben „Notfall“.
Ohne zu zögern griff Jacques nach dem Schalter „Alarm“ und kippte ihn nach unten.
Gespannt wartete er, was nun passieren würde.


SWB Media Publishing; Auflage: 1 (18. Februar 2015)

© Susanne Mathies, die aus zürich