Aus die aus zürich
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von Tobias Grimbacher
7. Juli 2009 & Mai/Juni 2012

Tagesausklang


Am Donnerstagabend hatte er noch ziemlich viel zu tun. Er hatte sich tagsüber lange aufgehalten mit dem ganzen Reptilienkram, den Schildkröten, Schlange, Eidechsen, Krokodilen, Lurchen und Fröschen. Und dazwischen dieser völlig verkorkste Konstruktionsversuch mit den Dinosauriern, der nach der vielzukurzen Mittagspause abgebrochen werden musste. Anschliessend waren noch die Vögel dran. 34 verschiedene Finkenarten allein für Hawaii – darüber hätte er fast die Pinguine vergessen.

So kam es, dass der liebe Gott erst gegen Abend dazu kam, sich mit der ganzen Fruchtflora zu befassen. Tomaten, Gurken und Kürbis, Kokos- und Haselnüsse waren schnell gemacht. Die Erdbeeren gaben mehr zu tun, und auch die Bohnen und Erbsen wollten erst gezählt sein. Danach kam der Wein an die Reihe. Der war mühsam. Aber allein die Idee mit dem Saft, der vergären kann und dabei nicht schlecht wird sondern besser, die hatte doch etwas geniales, geradezu göttliches. Die Weintrauben sollten dazu möglichst gross sein und zwischen dem Laub in der Sonne hängen. Und dann die verschiedenen Rebsorten für verschiedene Lagen. Aber Wein war wichtig, schliesslich war es das Lieblingsgetränk seiner Menschen, die er als Gipfel der Schöpfung für morgen Nachmittag vorgesehen hatte. „Au Mensch“, antizipierte er schon mal die gesamte Heilsgeschichte; mitsamt Noahs Arche, dem Tanz ums goldene Kalb, dem Brand Roms und der Sachsentaufe. Und dafür diese heillose Detailarbeit mit Riesling und Rioja so deutlich nach dem offiziellen Feierabend ...

Da gönnte der liebe Gott sich eine kleine, unerwartet boshafte Phase. Er kreierte eine ansehnliche hüfthohe Hecke mit rotgoldig leuchtenden, ziemlich süssen, genau im richtigen Masse säuerlichen, mundgerecht grossen und prallen Beeren daran. Und er versah sein neues Gewächs auf akribisch-perfide Art mit langen, stacheligen, wider-hackenden Dornen, die jedesmal zustachen, wenn man eine Beere greifen wollte. Gott sah, dass es richtig fies war, das gefiel ihm ausserordentlich, und Gott nannte die Hecke Stachelbeere, und freute sich schon auf die erste und alle weiteren Erntezeiten, wenn seine Menschen diese Beeren pflücken wollen würden.

Damit war sein Ärger wieder verflogen. Zum Ausgleich und als lässige kleine Fingerübung zwischendurch bastelte er noch die Johannisbeeren in den Varianten weiss, rot und schwarz, verzichtete wegen der fortgeschrittenen Abendstunde dann doch auf eine pinke Version, und betrachtete seinen fünften Schöpfungstag – endlich als abgeschlossen.


© Tobias Grimbacher, die aus zürich