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von Dorothe Zürcher
Oktober 2014
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Leseprobe Tamonia


1
Renia Haren erwachte, als jemand sanft ihre linke Hand berührte. Sie blinzelte verschlafen und bemerkte Kerla, ihre Schwester, die auf der Bettkante saß.
»Kerla, was ist los?«, flüsterte Renia.
Kerlas dunkle Silhouette, die sich gegen das mondbeschienene Fenster abzeichnete, zuckte leicht zusammen.
»Verzeih mir«, flüsterte sie. »Ich …« 
Renias Gedanken waren noch vom Schlaf getrübt. Langsam hob sie die Decke und wisperte: »Komm ins Bett.«
Früher, als Kerla noch am Hof ihres Vaters weilte, hatten die Schwestern die Nacht oft in einem Bett verbracht. Doch Kerla wich zurück.
»Verzeih mir, Renia«, flüsterte sie erneut, und es klang wie ein Flehen.
»Was soll ich dir verzeihen?«, fragte Renia verwirrt.
Kerla drehte hastig den Kopf zur Seite. Glitzerten Tränen auf ihren Wangen? Bevor Renia sie fragen konnte, huschte ihre Schwester aus dem Zimmer. Renia blickte ihr verdattert nach.
Als Kerla am letzten Abend bleich und ausgemergelt aus der Kutsche gestiegen war, hatte Renia sie erschrocken angestarrt. Ihre Schwester sah krank aus. Sie hatte Renia kaum eines Blickes gewürdigt und wollte gleich ihren Vater, den Herzog, sprechen. Danach hatte sie sich in ihrer Kammer eingeschlossen. Besorgt blickte Renia zum Fenster, durch das kaltes Mondlicht schimmerte.
Vor Kerlas Eintritt in den Tempel waren die Schwestern unzertrennlich gewesen. Als vor zwei Monaten der Ruf des Tempels an heiratsfähige Töchter, unter ihnen auch Kerla, gelangte, überraschte dies alle. Die Priesterinnen erwählten nur Tamonias edelste Töchter, und niemand hatte geahnt, dass Kerla unter ihnen sein würde. Renia hatte ihr, als sie abreiste, neidisch nachgeblickt und sie schon damals schrecklich vermisst. Und nun verhielt sich Kerla so merkwürdig.
Betrübt drehte sich Renia gegen die Wand. Sie würde am nächsten Tag mit ihrer Schwester sprechen. Am besten auf Hiskal, der Sprache ihrer Mutter, ihrer geheimen Sprache hier am Hof.
Sie schloss die Augen und versuchte, wieder einzuschlafen. Aber immer wieder tauchte in ihren Gedanken Kerlas bleiches Gesicht auf. Und Träume, in denen große, schwarze Hunde sie kläffend verfolgten, sie bis zum Morgengrauen quälten.
Das Zuschlagen der Zimmertür riss Renia aus ihrem unruhigen Schlaf. Die Hausmeisterin war eingetreten und blickte sie mit erhobenem Kinn an.
»Wir suchen nach Kerla. Hat sie die vergangene Nacht bei dir geschlafen?« 
Von den quälenden Bildern ihrer Träume noch befangen, schüttelte Renia verwirrt den Kopf. Die Hausmeisterin starrte sie stirnrunzelnd an, bevor sie befahl: »Zieh das grüne Kleid an, der Herzog will mit euch frühstücken!«
Dann verließ sie das Zimmer, während Renia sich gähnend erhob.
Wäre Renia eine richtige Haren gewesen, hätte sich die Hausmeisterin ihr gegenüber niemals so verhalten. Aber Karena, Renias Mutter, war eine Hiskaia.
Als der Herzog vor zwanzig Jahren als Botschafter des Königs zu diesen Barbaren geschickt worden war, verliebte er sich unsterblich in die junge Prinzessin Karena. Ihre Heirat wurde nur gebilligt, da Ambuster Haren schon zwei Söhne aus erster Ehe mitbrachte und sein Erbe somit gesichert war. Die Tamonier verachteten die Hiskaia. Sie besaßen keine Kultur und keinen Glauben. Darum wurden die beiden Töchter aus zweiter Ehe nicht in das höfische Leben von Tamonia eingeführt.
»Ich werde Kerla und Renia mit meinen treusten Gefolgsleuten vermählen«, hatte Ambuster immer würdig lächelnd verkündet, worauf die Mädchen erröterten und die Köpfe senkten.
Umso erstaunlicher war daher, dass der Tempel Kerla ernannt hatte. Denn der Tempel bildete nur die reinen Mädchen der bedeutendsten Familien aus.
»Die Priesterschaft setzte sich für Kerla ein«, hatte der Herzog stolz verkündet, und Kerla hatte ihn mit riesigen Augen angeblickt.
Renia verwirrte die Unruhe um die Ernennung. Bis anhin hatte ihre unbedeutende Stellung im Schloss ihres Vaters sie nie gestört. Sie konnte überall erscheinen, ohne dass die Dienerschaft zusammenzuckte und sich hastig verbeugte. So tollte sie in den Ställen und in der Küche herum, und niemand störte sich daran. Renia wusste, dass Mana, die Ehefrau ihres Halbbruders, eigene Diener befehligte und schönere Kleider trug. Aber sie wusste nichts vom Schleichweg in die Küche, wusste nicht, wo die Knechte auf dem obersten Heuboden die Decken für ihre Liebesnächte versteckten, und sie musste sich, nach der Etikette des Hofes, immer steif und höflich verhalten. Vor allem konnte Mana das Schloss nicht ohne höfische Begleitung verlassen; etwas, das Renia zur Verzweiflung gebracht hätte. Denn sie liebte es, auszureiten.
Karena führte mit einigen Dienerinnen einen Hof am Hof. Denn sie war nie bereit gewesen, sich den Traditionen von Tamonia zu beugen.
»Ich bleibe, was ich bin«, erklärte sie jeweils spöttisch, wenn Kerla und Renia versuchten, ihr das Benehmen einer Tamonierin beizubringen. Und sie war immer versessen darauf, den Töchtern ihre Kultur zu lehren: ihre Sprache, die Geschichten und Legenden aus Hiskaia. So mussten die beiden reiten und Messer werfen lernen, wie jedes Kind in dem Barbarenland, und dies unter den begehrlichen Blicken der Soldaten.
»In Tamonia beschützen die Männer ihre Frauen!«, hatten die Landser spöttisch gerufen. »Leben in Hiskaia nur Memmen?« 
Daraufhin fassten sich die Schwestern ein Herz und baten ihre Mutter, diese beschämende Ausbildung abzubrechen. Doch diese schüttelte nur ihre schwarzen Locken, sodass die Ohrringe klimperten.
»Meint ihr, ich hätte euren Vater verführen können, wenn ich nur stickend am Fenster gesessen hätte?«, zischte sie, während ihre dunklen Augen gefährlich blitzten. Beschämt schlichen die Töchter davon; schließlich mussten sie nach einer Weile zugeben, dass die Ausbildung sie auch erheiterte. Und nun trugen sie gar, wie jede Hiskaia, den Dolch der Freiheit am Unterarm, den sie nach ihrer ersten Monatsblutung erhalten hatten.
Doch in ihrem Herzen war Renia eine Tamonierin. Gerne lauschte sie ihrer Mutter, wenn sie von den verschwundenen Völkern der Hiskaia erzählte, von den Geistern ihrer Ahnen, von der Kraft ihrer Verwünschungen. Doch all dies war nichts, verglichen mit den Erzählungen aus Tamonia: Wie Kergaron von den Priestern unter die Erde verbannt und so das Böse gebannt wurde. Wie General Kaimas den Dämonenfürsten Faron besiegte und ihm den Diamantenschatz abnahm. Wie Herzog Merion das Volk der Nebelberge bezwang. Und wie Mechanon, der Erlöser, kommen würde, um Kergaron zu töten und Tamonia für immer von allem Bösen zu befreien.
Oft saß Renia am Fenster und träumte davon, im Heer des Königs mitzureiten und an seinen großen Taten teilnehmen zu können. Dann senkte sie beunruhigt den Kopf und schlich in den Stall, weil sie wusste, dass weder ihr Geschlecht noch ihre Herkunft dies jemals erlauben würden.
Das Frühstück verlief anders als erwartet.
Kerla erschien nicht und Renia konnte sich nicht erklären, wo ihre Schwester blieb. Ihre innere Stimme hielt sie zurück, zu erzählen, dass Kerla sie nachts aufgesucht hatte. Seit ihrer Kindheit hatten sie all ihre Geheimnisse gehütet, so sollte es auch diesmal sein.
Bald schon kroch Renia mit Lufa, ihrer Freundin, in den Dachstöcken herum, um die alten Verstecke aufzusuchen. Doch Kerla war nirgends zu finden, und die Dienerschaft des Hofes wurde immer unruhiger. Der Herzog grollte. Karena hatte sich in ihre Gemächer zurückgezogen. Gegen Mittag beschloss Renia, mit einigen Knechten auszureiten und jene Orte, die Kerla so mochte, aufzusuchen. Unruhig suchten ihre Blicke die weiten Heideflächen des Harenlandes ab. Ein Knecht, der hinter ihr herritt, brummte etwas von Flüchtlingen, die in den nahe liegenden Dörfern gesichtet worden waren. Ängstlich strich sich Renia das Haar aus dem Gesicht. Hatten sich die Zeiten schon so verändert, dass keiner hier draußen mehr sicher war?
Gegen Abend wurde Kerla aufgefunden. Renia, die in Kerlas Zimmer deren Kleider auf einen Hinweis durchwühlte, ließen die Rufe im Hof aufhorchen. Sie folgte der Dienerschaft über die Treppen hinaus, durch den Park, zum Fischteich, wo sie auf ihre Eltern stieß. Der Herzog starrte auf eine reglose, am Boden liegende Gestalt; Karena stand starr, mit offenem Mund neben ihm.
Befangen blieb Renia mit der Dienerschaft stehen. Niemand wagte zu atmen. Erst jetzt begriff Renia, dass die aufgedunsene, wächserne Leiche mit den blauen Lippen ihre Schwester war.
Nein, dachte sie, das durfte nicht wahr sein!
Plötzlich warf Karena den Kopf zurück und schrie den Herzog an: »Mörder! Du Mörder!« 
Dann sank sie auf die Knie und beugte sich jammernd über den Leichnam. Niemand rührte sich. Karena raufte sich die Haare und stimmte auf Hiskal ein Klagelied an. Betreten starrten das Gesinde und die Leibgarde des Herzogs vor sich hin. Renia erbleichte. Eine Tamonierin hätte geschwiegen und ihren Schmerz unterdrückt.
Karenas Dienerinnen stellten sich schützend vor ihre Herrin. Als der Herzog befahl, einen Priester zu rufen und einige Soldaten die Dienerschaft zur Seite drängten, blieb Renia erstarrt stehen und umklammerte hilflos das kalte Metall ihres Freiheitsdolches. Sie konnte sich ihrer toten Schwester nicht nähern, wollte ihre Eltern, gefangen in ihren unterschiedlichen Welten, nicht stören.
Die Schwestern waren bis zu Kerlas Abreise unzertrennlich gewesen, hatten zusammen den Hof ihres Vaters, auf der Suche nach Abenteuern, durchforstet, hatten sich vor den spöttischen Blicken der Soldaten behauptet und den stolzen Gang ihrer Mutter nachgeahmt. Und nun?
»Kerla«, flüsterte sie, »was ist dir zugestoßen?«
»Kergaron hat uns ein Zeichen gesandt!«, rief der Priester, als er feststellte, dass Kerla freiwillig den Tod gesucht und gefunden hatte. »Seit Jahren bebt die Erde im Süden und die Menschen fliehen. Wendet euch den Göttern zu, damit sie euch beschützen!«
Verstört hatte Renia seinen Worten gelauscht. Jeden Tag hatten sie und Kerla gebetet und Opfer dargebracht. Sie sah Kerlas kniende Gestalt vor sich, hörte ihre inbrünstig gesprochenen Gebete. Kerla konnte Kergaron unmöglich verfallen sein!
Ja, Kerla hatte sie in der Nacht ihres Todes aufgesucht, hatte mit ihr gesprochen, und sie, Renia …? Entsetzt biss sie sich auf die Lippen. Hatte sie ihre Schwester abgewiesen?
Schaudernd erinnerte sie sich an Kerla, als sie aus der Kutsche gestiegen war, ihr Gesicht grau, ihre Augen leer. Warum hatte sie Kerla nicht gleich in die Arme genommen?
Verstört suchte sie ein bekanntes Gesicht, um Trost finden zu können. Doch das Gesinde wie auch ihre Eltern hatten sich zurückgezogen, nur einige wenige Soldaten und Priester standen verloren da. Und Kerlas toter Körper war verschwunden.
Renia strich sich die Tränen aus dem Gesicht und eilte zu den Gemächern ihrer Mutter. Doch Karenas Vertraute Valena stand vor der Tür und hielt sie zurück.
»Deine Mutter trauert«, sagte sie. »Sie will allein sein.« 
Verdutzt blieb Renia stehen. Noch nie hatte ihre Mutter sie zurückgewiesen.
»Ich trauere auch«, schluchzte Renia.
Valena seufzte und strich ihr über die Wangen. »Renia, bitte. Es ist für alle schwer. Deine Mutter kann dich jetzt nicht sehen.
Geh in deine Kammer zurück.« 
Mit verschwommenen Blicken starrte Renia auf die geschlossene Tür. Bedrohlich stumm ragte das dunkle Holz vor ihr auf. Wie gerne hätte sie nach ihrer Mutter gerufen. Doch Valenas strenger Blick hielt sie zurück. Renia schluckte leer und wandte sich um. Starr vor Trauer, kehrte sie in ihr Gemach zurück und blickte sich verloren um.
Wusste ihre Mutter, dass sie Kerla in höchster Not nicht geholfen hatte? Dass sie ihre Schwester, als sie sich das letzte Mal trafen, nicht zurückgehalten hatte?
Verzweifelt kniff sie die Augen zusammen und krümmte sich wimmernd auf dem Bett.
Kerlas Bestattung fand schon am nächsten Tag statt.
Der ganze Hof war anwesend, nur Karena fehlte. Der Priester sprach von den Bosheiten Kergarons und vom Schutz der Götter. Doch die Zeremonie perlte an Renia ab wie Wasser an Wachs. Erst als sich die meisten der Trauergäste verabschiedet hatten, taumelte sie nach vorne, blieb schließlich stehen und starrte in den Sarg. Kerlas Leiche war in Tücher gewickelt worden. Vorsichtig berührte Renia das Holz des Sarges.
»Schwester«, flüsterte sie, während ihr Tränen in die Augen traten, dann ließ sie Kerlas Freiheitsdolch in den Sarg fallen. Sie hatte ihn in deren Kammer gefunden. Auf ihrem Weg ins Jenseits würde Kerla ihn gebrauchen.
»Ich weiß nicht, was ich dir verzeihen soll«, wisperte Renia.
»Aber ich bitte dich, mir zu verzeihen …« 
Wie sie in ihre Kammer zurückkam, wusste sie nicht mehr.
Stunden später klopfte jemand leise an die Tür, und Mana, ihre Schwägerin, trat ein. Stumm setzte sie sich auf die Bettkante und strich Renia über das Haar.
»Komm, das Abendessen steht bereit«, flüsterte sie. Doch Renia schüttelte den Kopf.
»Du darfst dein Gesicht nicht verlieren!« 
Renia krümmte sich, dann fing sie hemmungslos an zu schluchzen. »Ich«, jammerte sie, »ich bin schuld an Kerlas Tod!« 
Sanft strich Mana ihr weiter über den Kopf. »Wir alle trauern«, sagte sie leise.
Renia hielt sich am Kissen fest, wie sehr wünschte sie sich, dass die warme Hand, die sie streichelte, ihrer Mutter gehörte.
»Warum ging Kerla ins Wasser?«, stieß sie hervor.
»Kergaron ist wieder erstarkt. Nicht alle können seiner Bosheit trotzen.«
Renia versteifte sich. Nie hätte Kerla sich vom Herrn der Finsternis verführen lassen!
Mana wartete, bis Renias Schluchzen verklungen war. Dann erhob sie sich und suchte nach einem sauberen Kleid. Widerstandslos ließ sich Renia ankleiden und das Gesicht waschen. Sie presste die Lippen aufeinander und hob den Kopf. Eine Tamonierin behielt immer ihre Würde. Bald darauf verließen die beiden Frauen das Zimmer und schritten aufrecht auf den Speisesaal zu.
Während des Mahls legte Mana ihre Hand wieder sanft auf Renias Arm. »Schwägerin«, sagte sie leise. »Kergarons Bosheit konnte in den Clan eindringen. Daher müssen wir die Götter mit einem Opfer besänftigen. Es wirkt am besten, wenn du als Schwester der Toten dies vornimmst.«
»Kerla war Kergaron nicht erlegen!«, zischte Renia. »Das Opfer ist nicht nötig.«
Mana zog ihre Hand zurück und setzte sich aufrecht hin. Als sie Renia anblickte, waren ihre Gesichtszüge ruhig und kühl.
»Erdbeben zerstörten das halbe Reich«, sagte sie. »Flüchtlinge dringen überall ein, morden und brandschatzen. Bald werden wir nicht nur um unsere Nahrung, sondern auch um unser Leben fürchten müssen. Wir brauchen den Schutz der Götter!«
Renia senkte den Kopf. Sie verspürte keinen Hunger mehr. »Ich werde die Nacht im Tempel verbringen, um mich zu reinigen«, antwortete sie tonlos.
»Das wird nötig sein«, erwiderte Mana ebenso tonlos.
Die mit Goldmünzen gefüllte Schatulle wog schwer in ihren Händen.
Renia kniete sich hin, betrachtete die leblosen Saphiraugen der Götterstatuen und betete stumm. Dunkelheit und Stille umhüllten sie, und Kerla tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Wie sie zusammen durch die Wälder ritten, wie sie sich kichernd versteckten. Und Kerlas ausgemergelte Gestalt, als sie sich ein letztes Mal begegneten. Renia atmete tief ein und betete weiter.
»Verzeihst du mir?«, flüsterte sie. »Ich hatte deinen Schmerz nicht erkannt.«
Sie beugte sich so weit vor, bis ihre heiße Stirn den kühlen Fußboden berührte und stellte die hölzerne, verzierte Schatulle vor den Altar. Der Haren-Clan hatte ein großes Opfer dargebracht. Doch am nächsten Tag würde die Schatulle verschwunden sein. Die Priester würden behaupten, die Götter hätten das Opfer angenommen. Renia aber wusste, dass sie das Opfergeld selbst verwalteten. Als sie es vor Jahren bemerkte, hatte sie diese Entdeckung ihrem Vater voller Empörung mitgeteilt. Doch er hatte ihr nur lächelnd über den Kopf gestrichen und geantwortet: »Die Priester handeln im Namen der Götter.«
Renia liebte die Götter. Sie beschützten die Tamonier vor allem Bösen: den Dämonen und Kergaron. Denn diese versuchten, mit ihren Kräften die Tamonier zu unterwerfen, ihren Geist und ihre Gedanken zu besetzen und zu steuern. Darum schenkten die Götter den Priestern wilde Hunde, die alles Böse bekämpften und den Menschen ein sicheres Leben schenkten.
Renia versank wieder in ihren Gebeten. Sie betete gerne. Ihr Kopf wurde leichter und sie atmete ruhiger. Irgendwann musste sie eingeschlafen sein.
Als sie aufwachte, drang bereits das Morgenlicht durch das kleine Fenster. Und die Schatulle war verschwunden. Renia dankte den Göttern und erhob sich schwankend. Als sie den Tempel verließ, fühlte sie sich zum ersten Mal seit Kerlas Tod wieder besonnen und ausgeglichen. So bemerkte sie schnell, dass irgendetwas nicht stimmte.
Zuerst deutete sie die Zurückhaltung der Dienerschaft als Zeichen der Anteilnahme an ihrer Trauer. Das Gesinde ging ihr aus dem Weg und hielt inne, wenn sie ein Zimmer, einen Saal oder ein Gemach betrat. Doch als sie zum zweiten Mal ihren Namen vernahm, wurde sie argwöhnisch und beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.
»Worüber sprecht ihr denn?«, fragte sie die Hausmeisterin.
Die Frau runzelte die Stirn und setzte dann ein gespieltes Lächeln auf. »Meine Liebe«, erwiderte sie, »bald wird gegessen.« 
Doch Renia hatte keinen Hunger. So stieg sie in die Küche hinunter, wo sie Lufa antraf, die gerade Bohnen zubereitete. Renia setzte sich neben die Freundin und half ihr. Als sie sicher war, dass sie niemand belauschte, fragte sie: »Was ist los? Die Dienerschaft tuschelt über mich!«
Lufa zuckte zusammen. »Ich weiß es nicht«, murmelte sie verlegen und riss einige Bohnen von den Stauden ab. Enttäuscht presste Renia die Lippen zusammen.
»Ist es wegen Kerla?«, fragte sie.
Lufa wich ihrem Blick aus, stand hastig auf, griff nach der
Schüssel mit den Bohnen und sagte eilig: »Ich muss gehen!«
»Lufa!« Aufgebracht erhob sich Renia und packte das braunhaarige Mädchen am Arm. »Wir sind doch Freundinnen! Sag mir, warum über mich geredet wird!« 
Lufa schüttelte den Kopf. »Lass mich los!«, flehte sie.
Bevor Renia etwas erwidern konnte, erschien die Hausmeisterin.
»Herrin Mana sucht Euch«, sagte sie an Renia gewandt. Verwirrt ließ Renia Lufa los und folgte ihr.
Es wurde Abend, bis es Renia gelang, Manas aufmerksamen Blicken zu entfliehen. Sogleich eilte sie zu Karenas Gemächern. Ihre Mutter hatte den Herzog als Mörder bezeichnet.
Warum?
Als Renia die Gemächer erreicht hatte, versperrte Valena ihr erneut den Weg. Verzweifelt ballte Renia die Hände zu Fäusten.
»Ich muss sie sehen! Es ist wichtig!« »Sie trauert«, erwiderte Valena kalt.
»Ich bin auch ihre Tochter! Will sie bald noch mehr trauern?« Valena ergriff blitzschnell Renias Handgelenk und zischte: »Was erlaubst du dir! Nimm dich zusammen!«
»Nein!«, schrie Renia und riss sich los. »Mutter! Karena!«, schrie sie die dunkle Tür an und rüttelte am Schloss, bis Valena sie erneut packte und ihr eine Hand auf den Mund legte.
»Bei unseren Ahnen, Renia, bitte!«, flüsterte sie. »Es ist … vertrau mir doch …« Tränen glitzerten auf einmal in ihren Augen. Renia blickte sie erschrocken an. Valena schloss kurz die Augen, dann sagte sie streng: »Du solltest wieder einmal ausreiten!«
Renias Atem stockte. Was redete Valena da? Hatte sie eine Ahnung, wie verwirrt und allein sie war? Sie riss sich los und eilte aufgewühlt davon.
In ihrer Kammer warf sie sich auf das Bett und drückte ihr Gesicht in das Kissen. Was ging bloß im Schloss ihres Vaters vor? Wo waren alle ihre Freunde geblieben?
»Kerla«, hauchte sie ins Kissen. »Was, bei allen Göttern, geschieht hier?«
Manas Zofe weckte sie und half ihr, sich anzukleiden. Doch Renia traute dem Mitgefühl, das ihr das Gefolge ihrer Schwägerin entgegenbrachte, nicht. Darum ließ sie die scheue Zofe bald allein und eilte in den Stall. Vielleicht hatte Valena recht, vielleicht sollte sie ausreiten und diese dunklen Gemäuer, wenn auch nur für eine kurze Zeit, hinter sich lassen. Sie machte ein ernstes Gesicht und straffte die Schultern.
»Kajan!«, begrüßte sie den Stallknecht entschlossen. »Ich reite mit dem jungen Braunen aus, er braucht ein wenig Bewegung!«
»Herrin«, stotterte Kajan. »Das ist …« Er rang nach Worten. Verblüfft blickte Renia ihn an. Noch vor einer Woche hatten sie herumgealbert, als sie ein Pferd tränkte.
»Dafür braucht Ihr die Erlaubnis des Herzogs«, brachte Kajan endlich hervor. Unbeholfen winkte er einem Stalljungen zu und zeigte auf Renia, worauf dieser davonrannte.
»Seit wann brauche ich eine Erlaubnis, um ausreiten zu dürfen? Kajan, was ist los? Denkt ihr, dass ich … dass ich wie Kerla …« Sie brach ab.
»Auf keinen Fall, Herrin!« Kajan verbeugte sich und wischte sich dann unbeholfen den Schweiß von der Stirn.
Herrin? Mit Herrin hatte Renia noch niemand aus der Dienerschaft angesprochen. Das konnte nur bedeuten, dass sie in der Rangordnung aufgestiegen war.
Kerla war in den Tempel gebracht worden, weil die Priesterschaft sie ausgesucht hatte. Aber Kerla war tot. War nun sie an der Reihe? Kerla hatte sie bei ihrer letzten Begegnung um Verzeihung gebeten. Renias Magen zog sich zusammen. War es das, worüber alle tuschelten?
»Ich will mit meinem Vater sprechen«, flüsterte sie.
»Der Herzog ist in die Hauptstadt geritten!« Eine schneidende Stimme ließ Renia und Kajan herumfahren. Leutnant Arod stand im Stalleingang. Blaue Quasten baumelten von seinen Achseln – das Zeichen der Leibwache ihres Halbbruders.
Verächtlich verzog er das Gesicht. »Ihr wollt ausreiten?«, fragte er höhnisch.
Renia reckte das Kinn. »Ja!«, sagte sie kühl, wohl wissend, dass er sie lieber stickend in einem Zimmer gesehen hätte.
Arods Mine verdüsterte sich. »Nun, dann begleite ich Euch«, sagte er.
Renia ritt schnell über die Felder davon.
Denn das junge Pferd war lange im Stall gestanden und strotzte vor Lebenskraft. Sie stellte sich vor, einfach davonzureiten. Weg von all den verwirrenden Ränken, die sich hinter ihrem Rücken abspielten. Doch ihre aufgebrachten Gedanken verfolgten sie, ließen sie nicht in Ruhe: Der Herzog hielt sich in der Hauptstadt auf. Handelte er mit der Priesterschaft schon aus, sie als Nächste in den Tempel zu schicken? Sie musste so schnell wie möglich alles darüber erfahren.
Zwar war sie auf Kerla neidisch gewesen, doch sie hatte sich keine Gedanken über den Tempel gemacht. Und die Priesterschaft unternahm nie etwas, um daraus einen Vorteil zu ziehen. Sie musste für Kerla eine Ehe vorbereitet haben. Eine Ehe, die so wichtig war, dass selbst eine Unreine die gleiche Ausbildung wie die angesehensten Damen der Gesellschaft genoss. Renia schloss kurz die Augen. Warum war ihr das nicht schon längst aufgefallen? Adelige Tamonierinnen wurden bereits im Kindesalter verlobt. Keine besuchte den Tempel, ohne zu wissen, mit wem sie den Bund der Ehe einging. Ihre Schwester musste erfahren haben, warum sie dort war! Hatte sie dieses Wissen in den Tod getrieben? Und war sie, Renia, die Einzige, die nicht wusste, welche Zukunft ihre Schwester erwartet hatte?
Wütend gab sie ihrem Pferd die Sporen. Tief über seinen Rücken gebeugt, ließ sie den Brauen ausholen. Der Wind jagte ihr Tränen in die Augen. Sie würde sich nicht herumschieben lassen!
Erst als die Schritte ihres Hengstes unregelmäßiger wurden, verfiel sie in eine langsamere Gangart und zügelte das Pferd. Seine Flanken bebten, als sie sich umdrehte und weit hinter sich den Leutnant erblickte. Hochmütig lächelnd erwartete sie ihn. Arods Gesicht war gerötet, als er sie eingeholt hatte.
»Dachtet Ihr, ich wollte fliehen?«, fragte sie höhnisch. »Aber seid unbesorgt, ich werde in den Tempel der Töchter eintreten.« 
Arod verzog nur verdrießlich das Gesicht. Ihre Worte schienen ihn nicht zu erstaunen. Renia unterdrückte ein Lächeln, während der Braune unruhig tänzelte. Würde es ihr gelingen, Arod weitere Hinweise zu entlocken?
Verächtlich zeigte sie auf seine Quasten. »Die sind unnötig. Wenn ich verheiratet bin, werde ich meinem Mann sagen, er soll sie abschaffen.« 
Der Leutnant hob verblüfft die Augenbrauen, dann spuckte er verächtlich aus und blaffte: »Euer Gemahl wird sich kaum um Quasten kümmern!« 
»Und woher wollt Ihr das wissen?«, fragte sie herausfordernd.
»Weil Aschans keine Quasten besitzen! Und wenn sie mit Euch fertig sind, wird sich kaum ein Mann um Euch kümmern, ob er nun Quasten besitzt oder nicht!« 
Es dauerte eine Weile, bis Renia seine Worte einordnen konnte.
»Aschans?«, flüsterte sie. »Dämonen?« Das Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.
Arods Grinsen zerfiel. »Ihr … ich dachte …« Beunruhigt starrte er Renia an, die sich am Sattel festhielt.
»Was habe ich mit Dämonen zu tun?«, stieß sie hervor. Sie musste irgendetwas falsch verstanden haben!
Das Gesicht des Leutnants war ebenfalls fahl geworden. »Herrin, verzeiht mir. Ich … Es war nur ein Scherz!«, erwiderte er rasch, doch seine vor Schreck aufgerissenen Augen verrieten die Lüge.
Fieberhaft versuchte Renia, ihre Gefühle zu bändigen. Dem Leutnant durfte sie ihre Verzweiflung nicht zeigen. Was bei allen Göttern hatte man mit ihr vor? Fahrig richtete sie sich auf und fragte: »Wann kehrt der Herzog zurück?«
»In einigen Tagen.«
Aufgebracht zog Renia die Zügel straff. »Bringt mich sogleich zu Heschgar, deinem Herrn!«, befahl sie.
Arod zuckte zusammen, dann nickte er.
Heschgar, der erste Sohn des Herzogs und alleiniger Erbe seiner Güter, hatte nie verheimlicht, dass er die zweite Ehe seines Vaters missbilligte. Er verachtete und übersah die unreinen Töchter seines Vaters. Heschgars jüngerer Bruder Bajal hatte die Kinder nicht nur verachtet, sondern das Erstgeborene gar umgebracht. Darum hatte er den Hof verlassen müssen und diente seither in der Armee des Königs.
Als Renia mit dem zerknirschten Arod vor ihren Halbbruder trat, hob dieser misstrauisch die Augenbrauen und entließ den Leibwächter mit dem Wink seiner rechten Hand. Renia deutete eine leichte Verbeugung an und strich sich entschlossen ihre schwarzen Locken aus dem erhitzten Gesicht.
»Ich bitte Euch, mir mitzuteilen, warum mein Vater in die Hauptstadt geritten ist«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte leicht.
Heschgar warf verärgert den Kopf zurück. »Das geht dich nichts an!«
»Werde ich im Tempel an die Stelle von Kerla treten?« »Frag deinen Vater«, erwiderte er.
»Mit wem hätte Kerla vermählt werden sollen?« 
Heschgar setzte sich langsam auf seinen Stuhl. Sein überhebliches Gehabe war verschwunden. »Dein Vater wird dir zum gegebenen Zeitpunkt alles mitteilen«, sagte er.
Renias Lippen bebten vor Wut und sie zeigte aufgebracht zur Tür. »Deine Leibwache spricht von Dämonen, die mich missbrauchen werden! Was weißt du darüber?« 
Heschgars Gesichtszüge verhärteten sich. Er strich sich über das Gesicht. Dann verzog er den Mund, als hätte er etwas Ekliges verschluckt. »Setz dich!«, befahl er.
Eine Weile lang starrten die beiden auf die steinerne Tischplatte, bis Heschgar schließlich hinzufügte: »Deine Schwester hat versagt. Wir hoffen, dass nicht auch du den Namen unserer Familie in den Schmutz ziehst.« 
Renia war bei seinen ersten Worten unmerklich zusammengezuckt. Nur mit Mühe konnte sie sich beherrschen.
Heschgar erhob sich ungehalten. »Du weißt, dass unsere Familie zu den angesehensten des Landes gehört. Als Tamonia während Kergarons Herrschaft in Angst und Schrecken versank, erhielt sie das Geschenk der Götter: Die Hunde, die den Priestern zum Sieg verhalfen. Und unsere Familie ist zu noch Höherem auserwählt: Aus unserem Stamm wird Mechanon hervorgehen!« 


Tamonia, Fantasyroman: Zürcher, Dorothe, 2014 KaMeRu-Verlag Zürich. ISBN 978-3-906082-30-1. Als eBook: ISBN 978-3-906082-31-8

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