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von Susanne Mathies

Taubenblut in Oerlikon - Leseprobe


LESEPROBE AUS DEM ROMAN
»Taubenblut in Oerlikon« 
von Susanne Mathies


Der Raum war stickig und fast dunkel. Bloss durch ein schmutziges Fenster an der gegenüberliegenden Wand wurde ein wenig trübes Tageslicht eingefiltert.
Die beiden Gestalten links von ihr rührten sich nicht. Pia machte vorsichtig einen Schritt zur Seite. Beide trugen einen langen Mantel, und die rechte hielt einen Sonnenschirm in der Hand.
In dunklen Zimmern trägt man keinen Sonnenschirm. Die Gestalt mit dem Schirm war also entweder ein Exzentriker, oder gar kein Mensch. Sondern eine Schaufensterpuppe. Pia brauchte also keine Angst zu haben. Obwohl Puppen ja auch etwas Beunruhigendes hatten. Man konnte sie fast im Verdacht haben, bei Gelegenheit lebendig zu werden. An der linken Wand hinter den Gestalten stand ein Kleiderständer, auf dem Bügel mit bodenlangen Gewändern hingen.
Direkt zu Pias Rechten befand sich eine geschlossene Zimmertür. Sie drückte die Klinke herunter. Auch hier war abgeschlossen. Was auch sonst, dachte Pia, wenn etwas schief läuft, dann richtig.
Als sie sich dem Fenster näherte, wäre sie fast gestolpert. Schon wieder. Aber diesmal hatte die Kiste, an die sie anstiess, glattpolierte Kanten. Pia fand wieder ins Gleichgewicht zurück und sah genauer hin. Dies war keine normale Kiste, sondern ein Sarg. Was machte ein Sarg in einem Indienladen?
Es war ein solider und teuer aussehender Sarg, aus dunklen Holz, mit Messinggriffen an der Seite. Unter dem zur Seite geschobenen Deckel konnte sie erkennen, dass er leer war. Die Samtbespannung im Innern wirkte nicht mehr neu. Sie hatte Spuren, Kratz- und Stossnarben, unregelmässige schmutzig-weisse Sternschnuppenspuren.
Jetzt ertönten wieder lautere Geräusche aus dem Laden. Höchste Zeit, nach einem Fluchtweg zu suchen. Auf Zehenspitzen ging sie zum Fenster und sah hinaus auf die Rückwand eines Wohnhauses. Davor verlief eine schmale Seitenstrasse, auf der ein alter Mercedes stand.
Obwohl das Licht trübe war, fiel ihr jetzt auf, wie abgerissen und schmutzig sie selber erschien. Das kornblumenblaue Baumwollkleid hatte sie sich erst vor ein paar Tagen gekauft, weil es so gut zu ihren Augen passte. Jetzt war es mit schwarzen Schmierspuren verziert und hing vorn in lappigen Fetzen herunter. Sie wollte lieber gar nicht erst darüber nachdenken, was für einen Eindruck es von hinten machte.
Von der Strasse waren Schritte zu hören. Rani und ihr Bruder bogen um die Ecke und kamen in die Seitenstrasse unter dem Fenster. Sie trugen schwer an einer grossen geschlossenen Holzkiste. Vor dem alten Mercedes stellten sie ihre Last ab. Rani öffnete den Kofferraum. Als sie nach der Kiste griff, fasste ihr Bruder sie am Arm und sprach leise zu ihr. Rani redete lauter, sie hatte so etwas wie einen Möwenschrei in der Stimme. Der Bruder deutete auf das Haus, und Pia hatte den Eindruck, dass er direkt auf sie zeigte. Schnell trat sie vom Fenster zurück.
Einen Moment später beugte sie sich vorsichtig vor, so dass sie noch halb vom Mauervorsprung am Fenster geschützt wurde, und spähte nach draussen. Rani schien verschwunden zu sein, und ihr Bruder hievte gerade mit Mühe die schwere Kiste allein in den Kofferraum. Sicher war sie schon auf dem Weg, um nach ihrer Gefangenen zu sehen. Wie kam Pia nur möglichst schnell hier raus?
Sie könnte das Fenster öffnen und auf die Strasse klettern. Aber schon beim ersten Geräusch würde Ranis Bruder sie entdecken. Er war zwar klein, sah aber ziemlich drahtig aus. Nach ihrem schwierigen Spurt am Bahnhof von Oerlikon vor kurzem zweifelte Pia nicht daran, dass er sie auf ihrer Flucht schon nach den ersten Metern einholen würde. Im Moment war er allerdings mit dem Kofferraum beschäftigt.
Schnell beugte sie sich nach vorn und entriegelte das Fenster. Ein kühler Luftzug wehte in das stickige Zimmer. Der Geruch von Freiheit! Aber jetzt drehte sich Ranis Bruder um und sah auf die Uhr. Verdammt. Der Weg war erstmal versperrt.
Im Laden hinter ihr bimmelte die Tür. Schritte näherten sich. Pia kehrte zurück an die lädierte Badezimmerwand und horchte. Eine Tür wurde geöffnet. Dann war es still.
Je länger Pia wartete, desto deutlicher vernahm sie die normalen Geräusche des Lebens, die ihr unnatürlich laut vorkamen. Irgendwo tickte eine Uhr. Ein Kühlschrank brummte im Nebenzimmer. Auf der Strasse wurde eine Kofferraumhaube zugeworfen. Eine Taube gurrte, dann eine zweite. Irgendwo ratterte ein Tram über die Schienen. Die scheinbare Stille war in Wirklichkeit eine Spannung zwischen zwei Energiefeldern, die sich jederzeit in einem Gewitter entladen konnte.
Fast war Pia in Versuchung, sich zu bewegen. Aber Rani wartete sicher nur darauf, dass sie sich verriet.
Sie hielt es einfach nicht mehr aus. Vorsichtig tastete sie sich der Wand entlang zum Spalt und schaute hindurch.


orte Verlag

© Susanne Mathies, die aus zürich