Aus die aus zürich
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von Jaël Lohri
2016

wildgewachsen


Ich bin die Jüngste. Meine zwei Schwestern gehen vor mir her, beide tragen schwarz, das Kies knirscht unter ihren Schritten. In ihrer Mitte die Mutter. Ihr Rücken gebeugt, der Gang resolut. Die ältere Schwester wirft einen irritierten Blick zurück, ich vermute, ihr missfällt meine graue Lederjacke.

Ich war der Wildfang, der herumtobte und zuhause nicht mithalf, weil ich viel lieber draussen war, den Bach mit grossen Steinen staute oder am Waldrand im Hochsitz der Jäger sass und über‘s Land guckte, die vorüberziehenden Wolken im Blick. Ich wuchs wie wild, mit dreizehn hatte ich meine beiden älteren Schwestern überwachsen, war bald auch schon einen Kopf grösser als meine Mutter. „Du bist aber ins Kraut geschossen“, sagte mein Vater als er nach Monaten wieder bei uns auftauchte. Er fuhr mir ins strubbelige Haar: „eine lange Lulatsch!“. Meine Grösse schien ihn nicht zu stören, auch wenn er befürchten musste, dass ich ihm schon bald auf gleicher Augenhöhe begegnen würde. Dauernd gingen meine Kleider kaputt, hatte ich Löcher in den Hosen und es gab jeden Tag einen Grund, weshalb meine Mutter mit mir schimpften musste. „Du bist zu streng mit ihr“, fand mein Vater, als er dazu kam, wie sie mich ohne Nachtessen aufs Zimmer schickte. Mutter zuckte nur mit den Schultern und sagte Sätze wie: „Du bist ja nicht da“ oder „Unkraut verdirbt nicht“.

Einmal weinte ich nachts in mein Kissen. Ich war wohl gegen drei Uhr nachts aufgewacht. Ich dachte daran, wie unser Hund wenige Tagen zuvor gestorben war, einfach so, altersschwach vielleicht. Ohne sich zu verabschieden. Tot lag er neben dem Brunnen im Hof, und erst am Abend merkten wir, dass er nicht einfach nur schlief. Ich hatte mein Rad an die Wand der Scheune gelehnt, ging zu ihm, strich ihm übers Fell und wollte ihm in die Ohren kneifen, da war er schon ganz steif und meine Kindheit wich ein Stück mehr von mir. Jetzt lag ich da, mitten in der Nacht mit tränenverklebten Haaren, hatte ich je schon so geweint?

Bei der Nässe im Kissen war nicht mehr an Schlaf zu denken, so stand ich auf und ging hinters Haus, wo ich früher oft mit Köbi, dem Hund herumgetollt war. Als wir beide noch kleiner waren. Jetzt war er tot und ich ins Kraut geschossen. Ich fröstelte. Es muss irgendwann im Frühling gewesen sein, denn es war noch frisch nachts. Meine Jacke hing im Flur, ich hatte keine Lust ins Haus zurück zu gehen. Es lag ein herber Duft in der Nacht, viele der Felder waren in dieser Jahreszeit mit Raps bepflanzt. Weil mir kalt war und ich mich bewegen wollte, und vielleicht auch aus einer Laune heraus, der Mond war voll und ich verblüfft, wie hell sein Licht war, obwohl ja genaugenommen nur eine Reflektion, jedenfalls holte ich mein Rad aus dem Schuppen und schob es durchs nächtliche Dorf. Nirgends ein Mensch, der noch wach gewesen wäre, die Fensterscheiben dunkel, die Häuser erschienen mir wie eigene Persönlichkeiten, jetzt wo die Betriebsamkeit der Tagesstunden nicht vorhanden war. Ich begann mir vorzustellen, eine Seuche wäre ausgebrochen und hinter den Fenstern und Türen lägen alle tot in ihren Betten und auch in den Ställen wäre keine warmer Schnauf mehr von den Kühen und nirgends die fellige Brust eines Büsis, die sich regelmässig hob und senkte. Der Brunnen auf dem Platz plätscherte, aber ich trank nicht davon, als vermutete ich, er wäre die Ursache der Seuche.

Als einzige Überlebende der Epidemie schwang ich mich am Dorfrand aufs Rad und überliess den nächtlich ausgestorbenen Weiler sich selbst. Der Fahrtwind zwirbelte meine Haare. Dort wo sich die Strasse gabelte, wählte ich den Weg mit der Steigung, trat kräftig in die Pedale und endlich war mir wieder warm. Im Wald verschluckten die dicht belaubten Bäume das Mondlicht. Wurzeln durchwucherten zeitweilig den Weg. Oben bei der alten Burgruine angekommen, stieg ich ab, legte das Rad an den Wegrand und fuhr mir mit der Hand durch die verschwitzten Haare. An der rauen steinernen Mauer vergewisserte ich mich, dass ich noch lebte, die Farne standen hier hüfthoch und kitzelten meine Unterarme. Da sah ich den See in der Ferne unten im Tal zwischen den hohen Bäumen glitzern. Ich bestimmt ihn mir als Ziel und stieg wieder in den Sattel. Meine Hände vibrierten von den Erschütterungen auf der Schotterstrasse. Ich hatte es nicht eilig und begegnete in diesen frühen Morgenstunden auch niemandem. Gegen den Tagesanbruch verlor ich. Die letzten Kilometer zogen sich hin, den Reifen fehlte es an Luft, ich schwitzte. Als ich die Ufer des Sees erreichte, spiegelten sich bereits erste Sonnenstrahlen auf der glatten Oberfläche. Ich warf meine Kleider auf einen Stein. Das Wasser war eisig, die Lufttemperatur danach angenehm warm. Ich schlenkerte mit den Armen. Im Nu war ich trocken. Ich erinnere mich an diesen Moment, ich fühlte mich, als wäre ich unsterblich.

Am Mittag pflückte ich Kirschen. Erst gegen Abend kehrte ich zurück ins Dorf. Das letzte Stück schob ich das Rad neben mir her. Mutter sagte kein Wort. Mein Vater setzte sich abends bei mir auf den Bettrand und schaute mich lange an. „Du!“ sagte er und zerzauste meine Haare. Am nächsten Morgen war mein Rad weg. Mutter hatte es an meinen Cousin im Welschland verschenkt, wie ich viel später herausfand.

Daran denke ich, als der Bestatter die Urne mit diesem Rest Vater ins dafür vorgesehene Loch hinab lässt, inmitten der gepflegten Gräber auf dem Friedhof im Dorf.



© Jaël Lohri, die aus zürich