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von Jaël Lohri

Wildwuchs


In der 38. Minute kassierten die Schweizer das erste Goal. Reto drehte sich von der Leinwand weg und studierte die Frau im Profil. Faszinierend, auch wenn sie alt war, bestimmt fünfzehn Jähre älter als er. Die leicht gebogene Nase gefiel ihm. Er trank noch einen Schluck Bier.

Es ärgerte ihn, dass sich jetzt der Glatzkopf neben ihr zurücklehnte und ihm die Sicht auf ihren schlanken Hals nahm und auf das markant modulierte Schlüsselbein. Irgendwie war ihm sofort klar: sie gehörte in seine Sammlung.

Plötzlich stiess sie ihren Stuhl zurück, riss die Arme in die Höhe, hüpfte, schüttelte ihre schweren, dunklen Locken und klatschte im Takt zum Gejohle. Sie war das Epizentrum der Bar. Ihre Bluse war etwas hochgerutscht, unter dem roten Saum war ihre Taille zu sehen, ein Streifen überraschend heller Haut, und erst da kapierte er, dies war der Ausgleich.

Reto griff in die Tasche seiner Bermudas, fischte den zierlichen Behälter mit den Kärtchen hervor, die er extra für sein Diplom-Projekt gestaltet hatte, und öffnete ihn. Sie erhob sich noch bevor Halbzeit gepfiffen wurde. Reto nahm die leere Bierflasche und stand auf. Das Gedränge an der Bar hielt sich in Grenzen. Vor der Toilette standen einige Frauen Schlange, sie gesellte sich dazu, betrachtete sich im Spiegel gegenüber. Grüne Augen, stellte er überrascht fest, viel Mascara. Er räusperte sich, „Es wäre sehr cool, wenn du dabei wärst…“. Reto gab ihr eine seiner Visitenkarten. Sie studierte das Bild auf der Rückseite. Der Abdruck ähnelte einem Schmetterling. Weiss auf schwarzem Grund. Rohrschachtest, hatte Clara gemeint, als sie es zum ersten Mal sah, typisch Psychologiestudentin.

Ein frisches Bier stand vor ihm. Hatte er sie überzeugt? Er drehte den flachen, silbernen Behälter unaufhörlich in seinen Händen. Immerhin, sie hatte die Visitenkarte behalten. Es bestand Hoffnung, dass sie die kurze Beschreibung lesen würde. „Artenvielfalt“ musste er streichen, sein Dozent hatte abgewinkt. „Mutation“ fiel ebenfalls durch, was Clara schon im Voraus prophezeit hatte. Nun nannte er es Schmetterlingsprojekt.

Noch hatte die zweite Halbzeit nicht begonnen. Sie ging an seinem Tisch vorbei, lächelte. Er versuchte ihren Blick zu deuten, amüsiert, kokett, streitlustig? Auf der Leinwand kehrten die Spieler auf den Rasen zurück. Die Schöne hatte dem Glatzkopf eine Hand auf die Schulter gelegt und flüsterte ihm etwas ins Ohr, dann nahm sie ihre Tasche vom Boden. Das Spiel war fad, die Nati lag nach wie vor mit einem Treffer im Rückstand, die Gegner spielten reserviert, die Stimmung in der Bar war - gelinde gesagt - gedämpft. „Da ich nun schon hier bin…, vielleicht liesse es sich gleich heute Abend einrichten?“, sie sprach leise, ihre Stimme war rau. Wie sie vor seinem Tisch stand und ihn musterte. „Ich heisse Milena“. Reto überspielte seine Nervosität, trank einen Schluck Bier und griff betont lässig nach der kleinen silbernen Box und seiner Jacke. Sie stellte keine Fragen.

Kräuterstempel. Er arbeitete mit Kräuterstempeln. Lange hatte er nach etwas Passendem gesucht, bis er im Januar in diesem Wellnesshotel in den Bergen, Clara hatte ihn unbedingt dahin mitnehmen wollen, plötzlich die Eingebung hatte. Die Masseurin wärmte die Stempel, der Kräuterduft entspanne zusätzlich, erklärte sie.
Das Licht gedämpft, die Vorhänge zugezogen, das Fenster jedoch einen Spalt offen. Das brauchte er. Die urbanen Geräusche machten ihn selbstsicher und kreativ. Die Abend-Brise zerrte an der Jalousie. „Frauen müssen sich wohlfühlen“, hatte Clara gemeint. Sie war die erste, die sich von ihm stempeln liess und ihm gleichzeitig verbot, diesen Ausdruck je wieder zu verwenden.

In ein dunkelrotes Frotteetuch gewickelt lehnte Milena im Türrahmen zu seinem Atelier, das manchmal auch sein Wohnzimmer war. Erst jetzt mischte er die weisse Farbe an. Langsam schlenderte sie zum Schreibtisch und betrachtete die Abdrücke, die er an die Wand gepinnt hatte, die besonders gelungenen Exemplare. Dann stand sie beim Sofa, strich mit der einen Hand über das abgewetzte braune Leder.
Seine Hände zitterten leicht. Er bezog den Stempel mit schwarzem Origami-Papier. Dies hier war keine junge Kunststudentin, sondern eine reife Frau jenseits der Vierzig. „Und, erklärst Du es mir?“, sie sah ihn fragend an.

Ein Hauch Verletzlichkeit hatte sich an sie gelegt, wie sie sich auf dem Sofa ausstreckte, das eine Bein angewinkelt, das Frottee von ihrem Körper gleiten liess.

Darauf war Reto nicht vorbereitet, er starrte auf das buschige Dreieck. Wildwuchs, schoss es ihm durch den Kopf. Er war sich vieles gewohnt, Piercings, Tattoos, ausrasierte Delphine, aber: immer getrimmt, nie diese unzensierte Natur. Er verlor sich an das Dunkel. Gerne hätte er die feinen Härchen berührt. Irgendwo darin verborgen das, was ihn am meisten interessierte. Er tastete nach dem Pinsel. Sorgfältig würde er ihren Schmetterling freilegen und weissen. Aber auch ein paar Härchen miteinfärben. Das Bild wird neu, andersartig sein.

Beim ersten Pinselstrich zuckte sie leicht zusammen.


Wildwuchs-Lesung am 11.6.2016 im GZ Riesbach, in Kooperation mit Pestalozi-Bibliothek Riesbach und EB Zürich.

© Jaël Lohri, die aus zürich