Aus die aus zürich
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von Tobias Grimbacher
9. März 2001

Zigaretten


Sie sagte Tschüss und ging. Wohin, hat sie nicht gesagt. Wahrscheinlich geht sie nur mal Zigaretten holen.

Es ist schon lange ziemlich kalt gewesenen in der kleinen Wohnung unterm Dach. Ein paar Mal hat sie zwar versucht, die Heizung aufzudrehen, aber das wollte nicht helfen. Also stellte sie den Regler wieder auf Zu, hohlte einen dritten oder vierten Pulli aus dem Schrank und zündete sich eine Zigarette an. Davon wurde es zwar nicht wärmer, aber man sah die Kälte nicht mehr so, Auge in Auge.

Sie hatte schöne Augen, glasklar und von einer blaugrauen Farbe, wie das Eis auf dem Teich in den Regensburger Donauauen. An den vielen, warmen Sommertagen hatte sie dort gebadet. Ohne ihre Pullis, ohne Klamotten. Und geliebt, heiß, begierig. Wenn sie sich später dahin zurückerinnerte, blies sie manchmal den Rauch einer Zigarette tief und fest in den kalten Raum hinein und zog sich noch einen vierten oder fünften Pullover über.

Damals hatten ein Handtuch und ein Batterienradio gereicht, und natürlich ein paar Zigaretten. Im warmen Wasser liegend hatte sie oft mitgesungen und selbst beim Küssen das Summen nicht lassen können, soweit das möglich gewesen war. Dazwischen hatte sie erzählt, dass auch in ihrer kleinen Wohnung unterm Dach immer ihr Lieblingssender angestellt sei, wegen der wärmenden Musik. Sie hat das Radio sogar laufen lassen, als sie gegangen ist. Von fünf oder sechs Pullovern allerdings, hatte sie damals nichts erzählt. Die hätten die beiden glühenden Körper im lauen Wasser eines Auenteichs wohl auch kaum interessiert.

Ein bisschen schwerfällig sah sie nun aus, in den vielen warmen Sachen. Fast wie ein rotes oder beiges Wollknäuel, je nach dem welcher Pulli gerade wo war. Aber sie war immer noch so begehrenswert wie damals im Teichwasser, und ihr warmer Atem roch damals schon nach dem selben Tabak wie heute die kleine, qualmdurchsogene Wohnung unterm Dach, in der man sich sechs oder sieben Pullis anziehen musste und sie sich schon oft eine auch nicht wärmende Zigarette angezündet hatte.

Manchmal hätte man sogar meinen können, das kleine rote Wollknäuel würde brennen und sich bald ganz in Dunst aufgelöst haben. Im Kreis Regen dichter Nebel, sagt das Radio. Warum sie mir wohl nie eine angeboten hat, schon damals nicht? Woher wusste sie, dass ich Nichtraucher bin?

Tschüss, sage auch ich zu der rauchgeschwängerten kalten kleinen Wohnung unterm Dach. Ich gehe nur rasch Zigaretten holen.

veröffentlicht in: Erfindungen und Geborgenheiten - eine Anthologie, herausgegeben von Marcel Diel, edition anderswo, ISBN 3-935861-03-6, 2003.

© Tobias Grimbacher, die aus zürich